von Susanne Stampf-Sedlitzky

Nach Beginn der chemotherapeutischen Krebsbehandlung ihrer Tochter Olivia arrangiert sich das Ehepaar Pilhar mit der Zwangsmaßnahme

FOCUS: Herr und Frau Pilhar, Sie waren eben bei Olivia. Wie geht es ihr?

Helmut Pilhar: Sie ist heute morgen zur „Schule“ gegangen, die man für die Kinder oben im Krankenhaus eingerichtet hat. Darauf freut sie sich immer sehr. Aber sonst geht es ihr schlecht. Sie ißt nichts mehr, hat stark abgenommen, muß künstlich ernährt werden. Sie leidet unter Brechreiz und Schmerzen im Unterbauch.

FOCUS: Vor Ihrer spektakulären Spanien-Flucht mit Olivia hat man Ihnen beiden das Sorgerecht für Ihr Kind komplett abgenommen; Olivia wird nun auf eine Weise therapiert, die Sie ausdrücklich mißbilligen. Werden Sie von der Kinderklinik wenigstens laufend informiert?

Helmut Pilhar: Ja, aber spärlich. Natürlich bekommen wir trotzdem mit, wie es ihr geht. Meine Frau und ich schlafen abwechselnd hier im Krankenhaus.

FOCUS: Versucht der Chefarzt, Ihnen seine wissenschaftliche Position zu vermitteln?

Erika Pilhar: Ja, er ist wirklich sehr nett.

FOCUS: Aber er überzeugt Sie nicht.

Erika Pilhar: Er kann nichts dafür. Er ist halt Onkologe.

FOCUS: Wollen Sie damit sagen, er sei von Berufs wegen zu Blindheit verdonnert?

Erika Pilhar: Ja, er vertritt das, was er tut. Und er macht das, was man von ihm verlangt, nämlich in diesem Fall Chemotherapie. Ob wir – die Eltern – damit einverstanden sind oder nicht . . .

FOCUS: Wie verarbeiten Sie das alles?

Erika Pilhar: Man leidet natürlich total mit dem Kind. Wenn es der Olivia schlecht geht, dann geht es mir auch schlecht.

FOCUS: Doch nichts hat Ihre Meinung ändern können, die jetzt angewandte Therapie sei . . .

Helmut Pilhar: . . . nicht adäquat? Nein, leider nicht.

FOCUS: Aber Olivia ist doch jetzt erfolgreich operiert worden.

Helmut Pilhar: Das wissen wir nicht, das hoffen wir nur. Uns stört vor allem die Chemotherapie, denn mit ihr unterbricht man unserer Meinung nach die natürliche Heilungsphase. So ein Krebs muß ja einen Sinn haben. Das ist ein Notprogramm von der Natur, die sagt: „Paß auf, du mußt dich ändern!“ Es gibt genügend Patienten, die das erfolgreich durchgemacht haben. Und wenn man das wirklich auslebt, dann geht man da auch mit einer geänderten Persönlichkeit hervor.

FOCUS: Das ist reine Spekulation. Woher nehmen Sie als Laien diese merkwürdige Selbstgewißheit gegenüber der Schulmedizin?

Helmut Pilhar: Auch viele Ärzte gehören zu deren Kritikern.

FOCUS: Der Mann Ihres Vertrauens, der Kölner Ex-Arzt Hamer, behauptet, Olivia habe einen „Wasserkonflikt“, weil sie einmal während einer Bootsfahrt Angst vor dem Ertrinken gehabt habe. Das soll den Krebs ausgelöst haben. Eine ziemlich willkürliche Erklärung.

Helmut Pilhar: Gar nicht. Das Prinzip eines solchen Schockerlebnisses ist, daß momentan etwas auf uns einbricht, mit dem man nicht fertig werden kann. Man kann darüber nicht sprechen, es vielleicht deswegen nicht richtig verarbeiten.

FOCUS: Sie suchen also die Antwort auf die Frage, warum eine Krankheit ausbricht?

Erika Pilhar: Eben. Der Dr. Hamer hat das für uns wenigstens erklärbar gemacht.

FOCUS: Das ist doch kein Grund, auf eigene Faust zu entscheiden, daß die etablierte Medizin Ihrer Tochter nicht helfen kann!

Helmut Pilhar: Die derzeitige schulmedizinische Krebstherapie steckt absolut in einer Sackgasse – entsprechend steigt die Krebssterblichkeit. Übrigens war die ärztliche Tätigkeit von Herrn Hamer schon früher ein Thema in Österreich.

FOCUS: Wie meinen Sie das?

Helmut Pilhar: Nun, hätte man damals alle Vorwürfe überprüft und geklärt, hätte das auch ein Ergebnis gehabt – so oder so. Das wäre auch für uns hilfreich gewesen. Einem überführten Scharlatan sollten ja nicht weitere Patienten auf den Leim gehen. Aber solche Ergebnisse gab es nicht. Man sollte Dr. Hamers „Neue Medizin“ endlich überprüfen.

FOCUS: Hatten Sie sich eigentlich schon vor Olivias Krankheit mit der naturheilkundlichen Medizin auseinandergesetzt?

Erika Pilhar: Ja. Ich selbst leide unter Schuppenflechte, habe mich lange erfolglos schulmedizinisch behandeln lassen. Bis ich mir sagte: So geht es nicht weiter. Heute setze ich all meine Hoffnung auf gesunde Ernährung.

FOCUS: Große Teile der Öffentlichkeit mißbilligen Ihr Verhalten.

Helmut Pilhar: Was sollen wir machen? Wir haben versucht, uns über die verschiedenen Therapieformen zu informieren – um die beste für Olivia auszusuchen. Genau das wird uns jetzt zum Vorwurf gemacht. Wir wollten einfach keine Chemotherapie, das ist alles. Es ist bekannt, daß von 100 Chemotherapiepatienten 92 an dieser Therapie sterben. Da kann man von uns doch nicht verlangen, daß wir das gutheißen.

FOCUS: Aber Olivia leidet unter diesem Konflikt sicher am meisten . . .

Helmut Pilhar: Ja, es haben sich wirklich viele häßliche Dinge im Krankenzimmer abgespielt. Aber das ist nicht unsere Schuld.

FOCUS: Allein, um das zu vermeiden, hätten Sie vielleicht einlenken sollen . . .

Helmut Pilhar: Nachher läßt sich das leicht so sagen. Sie müssen aber die Vorgeschichte sehen. Als wir freiwillig aus Spanien zurückkamen, gab es Gespräche zwischen mir, den vermittelnden Ärzten und dem eingesetzten gesetzlichen Vormund Olivias. Dabei waren alle einig: Das Kind muß ins Spital. Wir haben gesagt, ja, wir bringen das Kind ins Krankenhaus, aber unter der Bedingung, die wir vorher in Spanien ausgemacht hatten, daß nämlich nichts gegen den Willen der Eltern passiert. Daß man also dem Kind keine Chemotherapie geben kann, wenn wir nicht einverstanden sind. Das haben auch alle unterschrieben.

FOCUS: Und in dem Verhalten der Behörden sehen Sie nun einen Wortbruch?

Helmut Pilhar: Ja. Außerdem hatte uns zuvor der Vormund Olivias nach Spanien gefaxt, daß die Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt nichts gegen uns unternimmt. Im Gegenteil, man hat versprochen, uns zu helfen. Wir waren deswegen auch einverstanden, daß Olivia in ein öffentliches Krankenhaus kommt. Zu der Zeit wußte ich freilich nicht, daß in einem öffentlichen Spital nur schulmedizinisch – und in diesem Fall also chemotherapeutisch – vorgegangen werden darf.

FOCUS: Sie sagen, die Behörden hätten Sie von Anfang rücksichtslos unter Druck gesetzt. Wären Sie denn ohne solche Drohungen konzilianter gewesen?

Helmut Pilhar: Bestimmt. Der erste Arzt, der Olivia behandelte, zeigte uns an, nur weil wir Olivia zu Dr. Hamer gebracht hatten. Das war im Mai. Dann kam das Jugendamt zu uns und empfahl, zum zuständigen Richter zu gehen. Ich habe dem Richter gesagt, daß da meiner Meinung nach ein medizinischer Schulstreit vorliegt. Daraufhin hat der Richter uns eine Anhörung der beiden Ärzteparteien zugesichert. Aber diese eigentlich selbstverständliche Anhörung hat er später einfach widerrufen. Da mußten wir untertauchen, bevor uns das Kind weggenommen wurde . . .

FOCUS: Meinen Sie wirklich immer noch, richtig gehandelt zu haben?

Erika Pilhar: Wir hatten und haben wahnsinnige Angst vor dem seelenlosen Prozedere der Apparatemedizin. Deswegen wollten wir einen anderen Weg finden, um unser Kind heilen zu lassen. Schließlich gab es in unserer Familie zwei Verwandte, die an Chemotherapie gestorben sind.

FOCUS: Das bedeutet, daß die Ärzte es Ihnen gegenüber an erfolgreicher Überzeugungsarbeit haben fehlen lassen.

Erika Pilhar: Ja. Das finden wir. Man kann doch nicht einfach daherkommen und sagen: So, ihr habt jetzt kein Sorgerecht mehr, ab sofort gibt es nur noch diese eine Möglichkeit, aus! Wir haben uns ja immer auch gesprächsbereit erklärt.

FOCUS: Nun stehen Sie aber vor einem Scherbenhaufen . . .

Helmut Pilhar: Wir beugen uns nur der derzeitigen Gesetzeslage.

Erika Pilhar: Wir waren immer gesprächsbereit. Aber man hat nie Wort gehalten. Ich habe auch mit unserem Bundespräsidenten Klestil telefoniert. Er wollte, daß wir sie hier nach Wien in die Klinik bringen, sie behandeln lassen usw. Dann würde alles gut werden. Und Straffreiheit hat er uns auch zugesichert.

FOCUS: Das Verfahren wegen Kindesmißhandlung und Kindesentführung wurde also noch nicht eingestellt?

Erika Pilhar: Nein, nein. Das bleibt weiterhin. Der Bundespräsident hat uns auch versprochen, wir bekämen das Sorgerecht sofort zurück. Wie kann er das versprechen, wenn er es nicht hält?

FOCUS: Ziehen Sie aus all dem nicht die Lehre, Sie hätten besser gleich klein beigegeben?

Erika Pilhar: Wenn wir gewußt hätten, was auf uns zukommt, hätten wir mit Sicherheit anders gehandelt.

FOCUS: Wie soll es jetzt weitergehen?

Erika Pilhar: Nach der großen Operation ist es Olivia anfangs recht gutgegangen. Sie hat auch angefangen zu essen. Aber dann wurde eben erneut mit der Chemotherapie begonnen. Jetzt hat sie wieder keinen Appetit, quält sich fürchterlich. Sie will da heraus.

FOCUS: Wie erklären Sie sich die rundum negative Resonanz ihrer Handlungsweise in der Öffentlichkeit?

Erika Pilhar: Da geben bestimmte Medien eine Richtung vor. Jeder, der etwas Ahnung hat, weiß, daß da ein gewaltiger Mißstand ist.

FOCUS: Welcher?

Erika Pilhar: Normalerweise ist jeder Patient für sich selbst verantwortlich. Es ist sein Leben, um das es geht. Für Kinder gilt das nicht. Deswegen müssen die Eltern für sie entscheiden. Und das haben wir versucht.

Helmut Pilhar: Wir hatten manchmal den bösen Eindruck, daß das Kind auf gar keinen Fall durch den Arzt unseres Vertrauens gesund werden dürfe.

FOCUS: Es gibt Beispiele in der Geschichte, wo Eltern aus religiösem Wahn heraus bestimmte lebensrettende Operationen – oder bloß Bluttransfusionen – verhindern wollten. Fänden Sie eine solche Position auch richtig?

Helmut Pilhar: Nein, das ist nicht unser Problem.

FOCUS: Sie sehen sich also nicht als weltanschauliche Überzeugungstäter?

Helmut Pilhar: Nein, im Vordergrund steht das Überleben unserer Tochter. Keine Ideologie, keine Glaubensrichtung, nur das Überleben!

FOCUS: Fürchten Sie, daß Olivia Ihnen eines Tages Vorwürfe machen wird?

Helmut Pilhar: Das glaube ich nicht. Und ich hoffe, daß es dann die Freiheit gibt, wo jeder seinen Arzt wählen kann, ohne daß er gleich vom Gesetz verfolgt wird.

Erika Pilhar: Es gibt Heilpraktiker in Deutschland, aber nicht in Österreich!

FOCUS: Woran halten Sie sich jetzt noch fest?

Erika Pilhar: Im Grunde können wir nur noch anfangen zu beten.

DER FALL OLIVIA PILHAR

Wie die sechsjährige Krebspatientin Olivia zum Zankapfel zwischen Behörden und Eltern wurde:

17. MAI 1995 Das Mädchen klagt über Bauchschmerzen. Der behandelnde Arzt diagnostiziert einen gefährlichen „Wilmstumor“.

DIE ELTERN verweigern die angebotene Krebstherapie, ziehen den Kölner Ex-Arzt Ryke Geerd Hamer zu Rat. Strafverfahren, Entziehung des Sorgerechts

IN GANZ EUROPA verfolgt die Öffentlichkeit die Flucht der Familie nach Spanien.

NACH DER RÜCKKEHR beginnt die Chemotherapie. Die Ärzte beurteilen Olivias Heilungschancen positiv.

DAS ÖSTERREICHISCHE SORGERECHT

„Gefährden die Eltern durch ihr Verhalten das Wohl des minderjährigen Kindes, so hat das Gericht (…) die zur Sicherung des Wohles des Kindes nötigen Verfügungen zu treffen (…) Besonders darf das Gericht die Obsorge für das Kind ganz oder teilweise (…) entziehen (…) Ist das Wohl des Kindes gefährdet und deshalb die gänzliche Entfernung aus seiner bisherigen Umgebung gegen den Willen der Erziehungsberechtigten notwendig (…), so hat das Gericht die Obsorge für das Kind dem Jugendwohlfahrtsträger ganz oder teilweise zu übertragen … „ § 176 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs (ABGB)

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