Für diesen Morgen plante Sepp nach Österreich zurückzufliegen. Eigentlich hatten wir uns bereits am Vortag verabschiedet, und ich war sehr überrascht, als er uns früh morgens weckte. Er war völlig aus dem Häuschen. Von „news“ hatte er erfahren, dass das in Malaga erstellte Gutachten gefälscht worden sein sollte, weiters dass vier Kinder aus dem St. Anna-Kinderspital bei Dr. Hamer waren und verstorben seien.

Kopfschüttelnd fragte ich ihn, ob er noch immer nicht kapiert habe, wie der Hase laufe. Dr. Hamer erzählte mir am Vortag, er hätte „news“ den Originalbefund von Prof. Rius aus Barcelona ausgehändigt und nicht mehr zurückbekommen. Jenes Gutachten, das den Wilmstumor widerlegte, war unter meiner Anwesenheit in Malaga erstellt worden und auch noch in unserem Besitz. Diese Behauptung zu widerlegen, erschien mir einfach. Ich vermutete, dass nun „news“ dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, da sie annahmen, dieses Gutachten aus Malaga zu besitzen. Erst später erfuhr ich, dass den Ärzten aus Malaga unterstellt wurde, ein Gefälligkeitsgutachten gemacht zu haben.

Betreffend die vier Kinder wusste ich von Dr. Hamer, dass dieser einem Salzburger Zahnarzt riet, sein Kind nicht der Chemotherapie im St. Anna-Kinderspital auszusetzen, sondern dieses nach den Regeln der Neuen Medizin therapieren zu lassen. Dieser Vater traute Dr. Hamer zu wenig und flog sein Kind zu regelmäßigen Transfusionen irgendwelcher Art nach Wien in das AKH. Dies hatte ihm Dr. Hamer keinesfalls geraten. Das Kind verstarb. Aber gleich von vier Kindern aus dem St. Anna-Kinderspital wusste Dr. Hamer nichts. Er räumte jedoch ein, nicht von allen den durchgemachten Leidensweg zu kennen, generell sei aber darauf ausdrücklich hinzuweisen, dass er niemals vorgab, ein Wunderheiler zu sein. Kinder, die nach der zehnten Chemorunde von den Eltern aus dem Spital genommen und dann erst zu ihm gebracht wurden, hatten sicherlich nicht jene guten Voraussetzungen, wie ein schulmedizinisch nicht therapiertes Kind.

Sepp war es anzusehen, dass er sich trotzdem sehr sorgte und Dr. Hamer nicht traute. Was sollte ich tun? Solche Reaktionen von Menschen, die unvorbereitet und über die Medien beeinflusst auf unserem Fall aufmerksam wurden, waren verständlich. Wie sollten sie auch zu den Hintergrundinformationen gelangen, die wir hatten? Über das Fernsehen würden diese gewiss nicht aufgeklärt werden und sicherlich auch nicht über die Tageszeitungen. Ich konnte nur ahnen, wie die Stimmung in Österreich war. Ich schrieb an den Bundespräsidenten:

Offener Brief der Eltern von Olivia Pilhar an den Bundespräsidenten

Herrn Thomas Klestil

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Wir als österreichische Staatsbürger und besorgte Eltern unseres krebskranken Kindes bedauern sehr, dass unser Weigern, einer Chemotherapie zuzustimmen, und unser Wunsch, Olivia entsprechend den Regeln der Neuen Medizin von Dr. Hamer zu therapieren, auf großes Unverständnis seitens der staatlich anerkannten Medizin sowie der Behörden getroffen war, so dass wir entsprechend unserer Überzeugung einzig und allein in der Flucht vor dem österreichischen Staat die letzte Überlebenschance für unser Kind sahen.

Heute, nach zwei Monaten Angst und Sorge wissen wir noch immer nicht, wann endlich unsere Entscheidung respektiert wird. Für uns und unsere Kinder, vor allem aber für die krebskranke Olivia, ist unsere jetzige Situation furchtbar belastend.

Um Ihnen dies zu verdeutlichen, möchten wir kurz den bisherigen Verlauf unseres Aufenthalts in Malaga schildern:

Am ersten Tag bemühten wir uns sofort um einen Termin in der Universitätsklinik Malaga, den wir am Mi 19.7.95 mit Olivia wahrnehmen konnten. Der Befund dieser Untersuchung ergab eindeutig, dass Olivia nicht an einem Wilmstumor leide. Am Abend des selben Tages wurden wir, die Eltern und unsere Tochter Olivia, von der Interpol verhaftet. Zuerst wurden wir in das Polizeigebäude und später in das Gerichtsgebäude gebracht. Dort stellte uns der zuständige Richter den Bescheid aus, wir wären doch verantwortungsbewusste Eltern, da wir ja unser Kind am Vormittag untersuchen ließen und gab uns wieder frei. Diese Festnahme dauerte von 19:00 bis 22:30 Uhr. Um ca. 23:30 Uhr erklärte der Pressesprecher des Justizministers von Österreich am Telefon, es liege kein internationaler Haftbefehl gegen uns vor.

Diese Aussage erschien uns sehr befremdend, zumal wir tags darauf, also am Do 20.7. um ca. 15:00 Uhr ein zweites Mal von der Interpol verhaftet wurden. Wir wurden wieder in das hiesige Gericht überstellt.

Glücklicherweise traf bald Frau Dr. Marcovich ein. Durch ihre Vermittlung und die des zuständigen Konsuls, Herrn Walter Esten, wurden wir wieder auf freien Fuß gesetzt, mussten jedoch gleich darauf und auch am folgenden Tag erneut der Kinderklinik in Malaga einen Besuch abstatten.

All diese Ereignisse gingen ja durch die Medien. Wir finden es unvorstellbar grausam, was unserem krebskranken Kind Olivia hierbei abverlangt wurde. Von heilsamer Ruhe kann hier unmöglich gesprochen werden.

Den Gipfel der Grausamkeit erreichte Czogalla, Reporter des „Spiegel“-Magazins aus Deutschland, der Herrn Dr. Hamer, der Olivia an der Hand hielt, ins Gesicht schrie: „Herr Dr. Hamer, was machen Sie, wenn Olivia übermorgen stirbt?“ Das ist Journalistik von niederstem („Spiegel“) Niveau.

Herr Bundespräsident, wir bitten Sie dringendst, schnell Voraussetzungen in Österreich zu schaffen, die uns und weiteren Eltern, die das Vertrauen in die schulmedizinische Krebstherapie verloren haben, ermöglichen, ihr Kind entsprechend der Neuen Medizin zu therapieren.

Dieser Wahnsinn, diese unzumutbare Odyssee eines krebskranken Kindes, darf sich nie wieder wiederholen müssen.
Die verzweifelten Eltern von Olivia Pilhar

Erika u. Helmut Pilhar


Dr. Hamer war der Ansturm der Journalisten unerträglich geworden, und er zog sich zu Bekannten zurück.

Am Abend berichtete Itziar über einen unglaublichen Vorfall. Czogalla und sein Terrorteam hatte sie durch die ganze Stadt mit zwei Autos verfolgt. Schließlich flüchtete sie auf eine Tankstelle, wo ihr Wagen sofort von den beiden anderen eingekeilt wurde. Sie rief Freunde und die Polizei um Hilfe und nur mit deren vereinten Kräften konnte Itziar die beiden Verfolgungswagen abhängen. Czogalla benötigte anscheinend für die Sendung um 22:00 Uhr noch Filmmaterial.

Die Vorgehensweise des „spiegel-tv“ Teams spottete wirklich jeder Beschreibung. Dass der Spiegelverlag mit solchen Journalisten zu mehr Informationsmaterial gelangen kann, als es einem Geheimdienst möglich ist, wurde verständlich. Diese Agenten waren immer an vorderster Stelle und filmten was die Kamera hergab. Ausgestrahlt wurde immer nur ein Bruchteil, der Rest wanderte ins Archiv und war für die Bevölkerung unzugänglich.

Dr. Hamer telefonierte an diesem Abend mehrmals mit Frau Dr. Marcovich in meinem Beisein.

Prof. Gadners Flug nach Malaga wurde immer unwahrscheinlicher. Es gab pausenlos widersprüchliche Auskünfte.

Nach vielem Hin und Her einigten wir uns mit Frau Dr. Marcovich, gegen entsprechende Sicherstellungen nach Österreich zurückzukehren. Der Journalistenterror war unerträglich geworden!

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