Bei rechtzeitiger Therapie wäre Olivia heute gesund!

  • Eltern und ihre todkranke Tochter in Spanien aufgespürt
  • Bundespräsident Klestil telefoniert mit Vater und Mutter

Die Flucht der gewissenlosen Eltern der todkranken Olivia, deren Schicksal Österreich bewegt, ist vorläufig zu Ende: Erika und Helmut Pilhar wurden in einem Hotel in Südspanien aufgespürt. Doch alle Versuche, sie zur Rückkehr zu bewegen, sind bisher gescheitert.

Olivias Arzt: „Das Kind sitzt auf einer Zeitbombe!“

Primarius Olaf Arne Jürgenssen, der die sechsjährige Olivia behandelt hat, ist erschüttert. „Bei rechtzeitiger Behandlung wäre das Mädchen heute gesund„, erklärt der Mediziner aus Wiener Neustadt (NÖ).

Seinen Zorn der Hilflosigkeit kann er nur schwer verbergen:

„Hätte die Behandlung, wie geplant, gleich nach der Einlieferung begonnen, wären Chemotherapie und Operation heute abgeschlossen. Die Haare Olivias wären bereits. nachgewachsen, den Krebs hätten wir als besiegt betrachten können.“

So aber setzen die verbohrten Eltern das kleine Mädchen einem ungleichen und immer hoffnungsloseren Wettlauf mit dem Tod aus indem sie dem geisteskranken „Wunderheiler“ Hamer vertrauen. Primar Jürgenssen über den Gesundheitszustand von Olivia:

„Laut meinen Informationen hat sie derzeit noch keine arge Schmerzen, aber die können jederzeit kommen. Das Kind sitzt gleichsam auf einer Zeitbombe. Jetzt kann jederzeit der Tod eintreten.“

Indes ist die verantwortungslose Flucht der Eltern zumindest vorläufig beendet. Erika und Helmut Pilhar sind aus der Ostschweiz mit ihren drei Kindern nach Südspanien geflogen. Und wurden im Hotel „Las Vegas“ in Malaga aufgespürt. In ihrer Begleitung befindet sich auch der offenbar wahnsinnige „Heiler„. Er dürfte bei der Flucht geholfen haben.

Keine Strafe, um Mädchen zu retten

Entdeckt wurde die Familie von spanischen Behörden, die sie Mittwoch abend zur Überprüfung der Identität sechs Stunden in der Polizeistation festhielten. Olivia wurde sogar von einem Amtsarzt untersucht, der sie jedoch wieder gehen ließ. Rechtfertigung der Spanier: Es habe keine rechtliche Grundlage zum Einschreiten oder zu einer Zwangseinweisung in ein Spital gegeben.

Aus Wien startete Donnerstag mittag ein Ambulanzjet mit der weltbekannten Kinderärztin Marina Markovich an Bord. Während Bundeskanzler Vranitzkyjede erdenkliche Hilfe“ verspricht und Wiener Neustadts Bürgermeister Peter Wittmann, selbst Vater und ein guter Bekannter von Primarius Jürgenssen, Gratis-Flugtickets bereit hält, überschlagen sich in Malaga die Ereignisse. Die spanischen Behörden werden erneut aktiv. Helmut Pilhar und der „Heiler“ werden am Nachmittag vor den Jugendrichter zitiert. Der Richter soll klären, ob der vom behandelnden Arzt ausgesprochene Entzug des Sorgerechts der Eltern auch in Spanien gilt.

„Heiler“ prügelt sich mit Kamerateam

Als die bei den Männer vom Gerichtstermin ins Hotel zurückkehren, kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen einem Kamerateam und „Heiler“ Gerd Hamer. Nach einer kurzen Aufregung um das Verschwinden Olivias erscheint das Mädchen an der Hand seiner Mutter gegen 16 Uhr vor dem Jugendrichter. Der Jurist läßt die Österreicher wieder zurück ins Hotel gehen.

Währendessen versucht Bundespräsident Klestil verzweifelt die Eltern Olivias telefonisch zu erreichen. Erika Pilhar hatte per Fax einen „Hilferuf“ an das österreichische Staatsoberhaupt sowie einen Asylantrag an die spanische Regierung (siehe Kasten rechts) geschickt.

Im Schreiben an Klestil beschwert sich die Mutter darüber, daß sie von Interpol wie eine Verbrecherin gejagt werde. „Der einzige, der bisher offenbar die Sache richtig eingeschätzt hat, ist Herr Dr. Hamer„, verteidigt sie den „Heiler„: „Olivia geht es übrigens sehr gut, sie ißt, schläft und geht spazieren.

Endlich! – Gegen 17.15 Uhr gelingt es Klestil, mit den Eltern zu telefonieren. In einem langen Gespräch schafft er es, daß Erika und Helmut Pilhar ihm versprechen, Olivia in der Universitätsklinik in Malaga untersuchen zu lassen …

In ganz Österreich hielt der umstrittene Arzt Ryke Geerd Hamer Patienten von einer oft lebensrettenden Behandlung ab.

Das Schicksal der sechsjährigen Olivia Pilhar ist kein Einzelfall. „Geerd Hamer treibt ein unverantwortliches Spiel mit dem Leben der Bevölkerung, ein Spiel mit dem Tod„, erklärt der Präsident der steirischen Ärtztekammer, Dr. Wolfgang Routil.

Das Wartezimmer des in Deutschland mit Berufsverbot belegten Ryke Geerd Hamer im oststeirischen Burgau ist immer bumvoll. „Bei mir überleben 90 Prozent„, so Geerd Hamer gegenüber der „Krone“. Seine Erfolgsquote kann er freilich in keiner Weise dokumentieren.

Was bei den Behandlungen des Herrn Hamer herauskommt, kann man letztendlich allzuoft in Todesanzeigen lesen„, formuliert ein Funktionär der steirischen Ärtztekammer.

Die Todesliste des „Heilers“

Der Fall Dunja H.:

Leukämie wird bei der 20jährigen diagnostiziert. Da ihr Bruder als Knochenmarkspender in Frage kommt, geben ihr Ärzte eine Überlebenschance von 90 Prozent. Als Hamer-Anhängerin unterbricht sie die Therapie – mit einem 20 Kilo schweren Tumor an der Milz stirbt die zweifache Mutter am 6. Juli 1991.

Der Fall Herbert W.:

Der 45jährige Krebspatient lehnt, nachdem er in Hamers Umfeld geraten war, eine Operation ab. Am 13. Mai 1995 wird er vom „Heiler“ selbst in ein steirisches Spital geführt, die 600 Kilometer weite Fahrt überlebte der Patient nur knapp. Hamers Diagnose („Eine Zyste„) entpuppt sich bei der lebensrettenden Operation als 19 Kilo schwerer Nierentumor. Herbert W. überlebt.

Der Fall Sonja B.:

Die 26 Jahre alte Hausfrau stirbt am 3. Februar, 19.35 Uhr. Ihrem „Heiler“ Geerd Hamer schicken verzweifelte Angehörige die Todesanzeige – mit der Anmerkung: „Danke für Ihre 14tägige Heilung!

Der Fall Karolina S.:

Der Sohn der 63jährigen Krebskranken fragt Hamer, ob er seine Mutter nicht wenigstens für eine Woche in ein Spital bringen könne. Die Frau erduldet Höllenschmerzen; so wie Hamer es von ihr verlangt, verweigert sie jegliche Medikamente. Hamer zum hilfesuchenden Sohn: „Wenn Sie vor mir flüchten wollen, dann nehmen Sie Ihre Mutter mit. Aber wenn Sie heute mit ihr ins Spital gehen, dann ist sie morgen tot.“ Sechs Monate später ist Karolina S. tot.

Der Fall Gerhard K.:

Dem 50jährigen Krebskranken verspricht Hamer: „Wenn Sie meine Theorie verstehen, sind Sie geheilt.“ Gerhard K. versucht, Hamer zu verstehen. Er schafft es nicht und gibt dies gegenüber seiner Frau auch zu: „Jetzt weiß ich, daß es ohne Chemotherapie nicht geht.“ Doch es ist zu spät – Gerhard K. stirbt noch zu Hause. Hamer wird wieder die Parte zugesandt – mit dem Zusatz: „Jetzt hat er Ihre Lehre verstanden.

Der Fall Anna E.:

Auf Hamers Anraten verweigert die 45jährige Brustkrebspatientin im Spital, den Verband einer stark infizierten Wunde zu wechseln. Der „Heiler“ erklärt: „Weil Bakterien den Krebs heilen.“ Die Frau verläßt das Krankenhaus, Hamer sagt ihr: „Jetzt wird alles wieder gut.“ Wenige Tage später ist sie tot.

Fernab dieser erschütternden Realität stand die österreichische Justiz den Hamerschen Umtrieben bisher hilflos gegenüber. So überprüften mehrere Anklagebehörden diese Fälle, sämtliche Verfahren wegen Verdachtes der fahrlässigen Tötung wurden aber eingestellt. „Weil wir schwer beweisen können, daß die Patienten, wären sie nicht zu Hamer gegangen, überlebt hätten„, so ein Gerichtssprecher.

Die steirische Ärztekammer erstattete erneut Anzeige gegen Hamer. Die Vorwürfe: Fahrlässige Tötung, Körperverletzung, Quälen eines Minderjährigen, Gemeingefährdung.

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