Ein Notarztjet, der die sechsjährige Olivia Pilhar nach Österreich hätte bringen sollen, kehrte ohne sie zurück; sie soll jetzt in Spanien behandelt werden.

WIEN/MALAGA (mü). Obwohl Helmut Pilhar, Vater des Mädchens, im „Presse“-Interview eine Rückkehr nach Österreich von kaum erfüllbaren Bedingungen abhängig gemacht hatte, unternahmen österreichische Ärzte gestern einen dramatischen Rettungsversuch für die krebskranke Olivia: Sie flogen mit einem Jet der „Ärzteflugambulanz“ nach Malaga, konnten die Eltern aber nicht dazu überreden, die an Nierenkrebs Erkrankte nach Österreich zu bringen. Die Eltern stimmten aber zu, das Mädchen in einer spanischen Klinik untersuchen und behandeln zu lassen.

Das Verwirrspiel um das Schicksal des Mädchens beschäftigte auch das Justizministerium, die Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt sowie Politiker. Unklar war, ob mit der Aktivierung des Haftbefehls gegen die Eltern, die der Schulmedizin mißtrauen, noch weiter zugewartet wird.

Krebskranke Olivia bei Ärzten in Spanien

Ein Notarztjet flog gestern nach Malaga, um die krebskranke Olivia Pilhar zur Behandlung nach Österreich zu holen. Dies gelang zwar nicht, aber immerhin wird das Kind nun in Spanien behandelt.

VON HEINZ MÜLLER

WIEN/MALAGA. In vierstündigen, permanenten Gesprächen, in die auch Bundespräsident Thomas Klestil, der österreichische Konsul und ein Jugendrichter eingeschaltet waren, gelang es anscheinend gestern abend einem Ärzteteam, die Eltern der krebskranken Olivia von der Notwendigkeit einer Spitalsbehandlung ihres Kindes zu überzeugen. Es wurde zunächst davon Abstand genommen, eine Zwangsrückführung der Kleinen durchzuführen. Die Eltern gaben eine schriftliche Erklärung ab, in der sie sich verpflichten, Olivia ab heute, Freitag, in der Universitätskinderklinik in Malaga behandeln und therapieren zu lassen. Einem Sprecher der Flugambulanz zufolge ist „das ganze abgesichert„. Hinzu komme, daß die zuständige Abteilung „durch die Öffentlichkeit sensibilisiert“ sei. Der Heiler, bei dem die Familie Zuflucht gesucht hatte, sei ausgeschalten. Ryke Geerd Hamer hatte allerdings einen „sehr störenden Einfluß“ auf die Gespräche.

Schon gestern nachmittag hatten sich die Ereignisse überstürzt: Vertraute der Pilhars hatten beim Wiener Justizministerium und bei der Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt vorgesprochen, ein Jet der Ärzteflugambulanz war nach Malaga aufgebrochen. An Bord des Notarztjets waren die Kinderärztin Marina Marcovich, ein Arzt vom St.-Anna-Kinderspital sowie eine Intensivkrankenschwester. Marcovich spielte dem Vernehmen nach eine führende Rolle bei den Gesprächen mit den Eltern Olivias.

Bundeskanzler Franz Vranitzky hatte zuvor jede technische und finanzielle Hilfe angeboten und die Einrichtung eines Ärztekonsiliums vorgeschlagen, in das auch die Pilhars einen Vetreter ihres Vertrauens entsenden könnten.

Hamer, dem die Familie Pilhar vertraut hatte, präsentierte am Donnerstag ein Gutachten der Universitätsklinik Malaga: Die dortigen Ärzte hätten im Unterschied zu den österreichischen Kollegen keinen „Wilms-Tumor“ diagnostiziert, meinte der Deutsche.


„Groß wie eine Apfelsine“

Das Ganze sei nur eine Nierenzyste, die im Moment drücke und so groß sei „wie eine größere Apfelsine“. Hamer sprach von einem Leberkarzinom und davon, das alles „seit einer Woche oder zehn Tagen“ nicht mehr wachse. „Das Kind hat halt einen dicken Bauch, aber davon stirbt es nicht.“

Der Deutsche dachte an eine Operation des Mädchens im September oder Oktober: „Aber erst, wenn die Zyste fest ist. Das Datum müssen dann die Eltern entscheiden.“

Noch am Mittwoch stellte die Familie Pilhar als „politisch Verfolgte“ einen Asylantrag in Spanien, der nicht frei von Rechtschreibfehlern ist: „Am 5.7. wurde eine Großfahndung in ganz Österreich eingeleitet mit dem Ziel unsere Tochter einzufangen und sofort zu operieren. Mit knapper Not sind wir den Heschern entflohen. . . . Wir bitten die spanische Regierung und die andalusische Landesregierung uns vor der Verfolgung durch unsere österreichischen Gerichte, deren Urteil wir als ungerecht und inhuman empfinden zu schützen.“

Auch ein Hilfeersuchen an Bundespräsident Thomas Klestil (datiert mit 19. Juli, 19 Uhr) wurde abgeschickt: Erika Pilhar schreibt darin, sie sei stets stolz gewesen, Österreicherin zu sein: „Jetzt werde ich von meinen eigenen Landsleuten differmiert und entehrt. Gerade steht die Interpol vor mir und will mich wie eine Schwerverbrecherin festnehmen – und nimmt mich fest. . . . Bitte Herr Bundespräsident helfen Sie mir und meiner Familie.“

Hans Magenschab, Sprecher von Thomas Klestil, meinte, der Bundespräsident sei ohnehin bereits am Mittwoch vormittag – noch vor dem Brief der Familie Pilhar – an Justizminister Nikolaus Michalek herangetreten. Dieser habe dann die „goldene Brücke“ gebaut und das Hinauszögern des Haftbefehls angeboten. Magenschab: „Die sollen gefälligst das Kind nach Österreich bringen.“


„Dem Kind geht es gut, es ißt und geht spazieren“

Interview mit dem Vater. Helmut Pilhar, Vater des kleinen Mädchens, über seine Tochter, die Festnahme und das Verhältnis zu seinen weinenden Eltern.

VON HEINZ MÜLLER

WIEN/MALAGA. Das Zimmer 415 des Hotels „Las Vegas“ in Malaga: Mehr als eine Stunde ist das Telephon besetzt, bis die Rezeption endlich durchstellen kann. Die „Presse“ telephoniert mit Helmut Pilhar, dem Vater der sechsjährigen Olivia. Im Hintergrund: Die Stimme von Ryke Geerd Hamer, dem deutschen Heiler, der das Mädchen betreut.

Olivia ist bei uns, ihr geht es gut“, meint Pilhar über seine krebskranke Tochter: „Sie ißt, schläft, spielt und geht spazieren, wie es ihr beliebt.“ Ob er mit seiner Familie nach Österreich zurückkehren wolle? „Sicher will ich wieder einmal nach Österreich, ich bin ja Österreicher.“ Auf das „Wann“ will Helmut Pilhar aber nicht eingehen: „Wir haben die Flucht unseren Kindern als Urlaub erklärt, auch wenn wir nichts vorher gebucht haben und alles recht plötzlich passiert ist. Nun haben wir Palmen und Meer – alles, wie es uns gefällt.“

Die Familie sei am Dienstag von Zürich nach Malaga geflogen und habe hier Dr. Hamer getroffen, erzählt Pilhar. Am Mittwoch sei man schließlich in die Klinik gefahren, um Olivia zu besuchen, dann habe man den Asylantrag an die spanische Regierung gestellt und das Hilfeersuchen an Bundespräsident Thomas Klestil geschrieben (siehe oben).

Am Mittwoch um 19 Uhr habe plötzlich die „Interpol“ an der Hoteltür geklopft: „Man hat die ganze Familie aufs Polizeirevier mitgenommen. Meine Frau Erika und ich hätten bald zurückkehren können, aber Olivia wollte man dort behalten“, meint Pilhar. Darauf habe man aber nicht eingewilligt, nach zwei Stunden und einigen Telephonaten sei man ins Gericht überstellt worden.

„Der Richter war sehr nett und hat sich auf den Kopf gegriffen, warum man uns hier festhält“, so Pilhar. Um 22 Uhr sei man wieder auf freien Fuß gesetzt worden und ins Hotel „Las Vegas“ zurückgekehrt.

Gespräche mit der Justiz

Über Vermittlung eines deutschen Journalisten sei man in der Nacht mit Gerhard Litzka (dem Sprecher des Justizministeriums in Wien, Anm.) in Kontakt getreten. „Der hat uns Straffreiheit zugesichert, wenn wir das Kind mit der Ärzteflugambulanz zurückbringen.“

Man sei jedoch nicht darauf eingegangen, meint Pilhar: „So lange nicht garantiert ist, daß Olivia keine Chemotherapie bekommt, solange nicht garantiert ist, daß wir das Sorgerecht wieder erhalten und solange man Olivia nicht so behandelt, wie wir es für richtig halten – nämlich nach der Neuen Medizin von Dr. Hamer -, solange kommen wir nicht nach Österreich.“ Das Zimmer in Malaga sei unbefristet gemietet. Wer für die Bezahlung aufkommt, will Helmut Pilhar nicht sagen.

Auch eine Rückkehr seinen Eltern zuliebe – sie hatten in einem dramatischen Auftritt im Fernsehen weinend an ihren Sohn appelliert – kommt für Pilhar nicht in Frage: „Ich liebe meine Eltern und verstehe ihre Einstellung. Ich weiß aber auch, daß meine Eltern bezüglich ihrer Kinder gleich gehandelt hätten wie ich. Auch sie hätten wie ein Löwe gekämpft.“

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