Gegen 2.00 Uhr morgens legte ich mich schlafen, war aber zu erschöpft und innerlich aufgewühlt, als dass ich wirklich Erholung finden konnte. Um 6.00 Uhr sprang ich bereits wieder auf und machte mich weiter an meine Schreibarbeit. Wieder kam Sepp, diesmal mit seiner Frau Maria um nach dem Rechten zu sehen. Ich musste ihnen vorgekommen sein wie ein gehetztes Tier, das verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit sucht, um zu entkommen.

Sepp war entrüstet, dass zuerst die „Grünen“ Hilfe versprachen und nun nicht halten konnten. Seines Wissens war Frau Dr. Petrovic selbst Anwältin, auch ich glaubte dies bereits einmal gehört zu haben. Also rief ich sie nochmals an.

Telefonat mit Frau Dr. Petrovic:

Sie empfahl mir, ein Schreiben aufzusetzen, in dem ich um Verschiebung des heutigen Termins beim Pflegschaftsgericht ersuchte und riet mir, dieses sofort an das Gericht zu faxen.


Ich setzte dieses Schreiben auf und bat Sepp, dies für mich von der Post aus zu faxen. Es läutete das Telefon und Erika erreichte mich.

Telefonat mit Erika:

Verzweifelt versuchte ich ihr unsere jetzige Situation mit all den Konsequenzen zu vermitteln, die wir zu tragen hätten, sollten wir nicht klein beigeben. Erika hörte mir ruhig, ohne Einwand zu. Plötzlich geschah etwas mit mir, was ich noch nie erlebt hatte. Erika fragte mich, wofür ich denn eigentlich kämpfe? Was sei das Ziel? Hieß denn dieses Ziel nicht: Olivia?


Ich konnte wieder klar denken. Der Weg, der vor mir lag, war sonnenklar. Jetzt wusste ich auch, warum der „Zufall“ es wollte, dass mir Frau Ingrid die Geschichte der Makkabäer-Brüder erzählt hatte. Ich war für Olivia bereit, alles auf mich zu nehmen, komme was da wolle!

So am Boden zerstört, wie ich vor dem Telefonat mit Erika war, so voll Selbstvertrauen konnte ich nun wieder Sepp gegenübertreten. Er und auch Maria trauten ihren Augen kaum und auch sie hatten wieder neuen Optimismus. Glücklich, dass es mir besser ging, verabschiedeten sie sich.

Ich dachte an Frau Ingrid und wollte sie anrufen. Obwohl ich sie nicht erreichen konnte, wusste ich, dass sie sowieso sicher gerade an mich denken würde. Frau Ingrid war in diesen aufregenden Tagen ein sehr wichtiger Mensch für mich. Sie schenkte mir Vertrauen und Zuversicht und dadurch, dass sie selbst durch die Neue Medizin, als eine von der Schulemedizin „Austherapierte“, ihren Krebs besiegen konnte, auch die notwendige Überzeugung, meinen eingeschlagenen Weg weiter fortzusetzen. Ich fühlte mich so stark und hatte absolut keine Angst mehr vor dem Gespräch mit dem Richter. Im Gegenteil. Ich hatte ein klares Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnte. Ein Bild meiner Familie lag vor mir auf dem Tisch. Ich musste es lange liebevoll betrachten. Ab nun würde ich es ständig bei mir führen. Nun war ich nicht mehr einsam. Die Kraft der vielen an uns denkenden und mit uns fühlenden Menschen war plötzlich real und greifbar. Vor mir lag ein Dunkel, durch das ich schreiten musste. In diesen Augenblicken war klar, dass alles nur von der persönlichen Einstellung abhing. Der Richter war real und unabwendbar. Wenn ich ihm mit Angst begegnen würde, hatte ich absolut keine Chance, ihn zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Könnte ich aber die Angst in Zuversicht transformieren, so wären die Karten auf alle Fälle besser und ausgewogener verteilt.

Plötzlich erkannte ich meinen Riesenvorteil gegenüber diesem Dunkel vor Gericht und sturer, bornierter Ärzteschaft. Ich hatte ja die Überzeugung! Oft konnte ich es bereits erleben, dass man diesen Herren nur wirklich einmal in die Augen zu blicken brauchte und schon beugten sie sich vor einem nieder. Mir war klar, dass sie drohen, schreien und mich von meiner Überzeugung abzulenken versuchen werden, aber ich nahm mir vor, ruhig auf mein Familienfoto zu blicken.

Frau Dr. Rostovskys Absicht, sich mit dem Schreiben offen zur Neuen Medizin zu bekennen, fiel mir ein. Ob dies nicht zu voreilig von ihr war? Ich versuchte sie, von ihrem Vorhaben abzubringen, sie blieb aber dabei.

Es war früher Vormittag. Ich beschloss, ein wenig spazieren zu gehen und bei der Familie K., ebenfalls eine sehr gut befreundete Familie, vorbeizuschauen. Dort erhielt ich einen weiteren Anruf:

Telefonat mit Frau Stauffer, „Grüne“:

Sie versuchte, mir schonend beizubringen, dass auch ihre weiteren Bemühungen um einen Rechtsanwalt fehlgeschlagen seien. Ich entgegnete ihr, dass ich damit gerechnet hätte und überhaupt nur mehr einen Rechtsanwalt annehmen würde, der 1. nichts kostet, 2. beim Prozess seinen Mund hält und 3. dadurch berühmt werden möchte. Frau Stauffer lachte und wünschte mir viel Glück.


Meine Tagebücher versteckte ich in der Scheune meines Freundes Sepp, allerdings ohne sein Wissen. Irgendwie rechnete ich mit der Möglichkeit, sofort verhaftet zu werden. Mein Spaziergang führte mich auf die Weide von Maiersdorf. Gedanken an den Glauben schossen mir durch den Kopf. An und für sich war ich bisher überzeugter Atheist. Nein, das stimmt nicht ganz. Eigentlich war ich bis zur Schulzeit in der HTL20 1980 ein gläubiger Mensch, der oft im Geheimen seine Gebete sprach und auch viel Kraft durch sie erhalten hatte.

In der HTL hatten wir einen Religionslehrer, der uns Camus und Sartre näher brachte. Deren Weltbild faszinierte mich. Vieles wurde erklärbarer und einfacher. Ich wurde überzeugter und konsequenter Atheist. Auch in Extremsituationen verkniff ich es mir, plötzlich einen Gott um Hilfe anzuflehen. Für mich galt immer nur „Entweder – Oder“. Jetzt aber konnte ich mit diesem Atheismus die derzeitige Situation absolut nicht erklären und schon gar nicht mein persönliches Erlebnis an diesem Vormittag. Der Atheismus vermittelte mir plötzlich nur mehr das schale Gefühl, das Wunder Leben mit Zufall, Ego und Sinnlosigkeit erklären zu wollen, wogegen ich derzeit ganz deutlich das Leben als Polarität verstand. Als Polarität zwischen Gut und Böse, männlich und weiblich, als Yin und Yang. Ich fühlte mich unsagbar leicht, die Farben der Natur waren noch nie so rein und klar. Ich war völlig gefasst und blickte allem ruhig entgegen.

Telefonat mit Richter Masizek:

Zirka eine Stunde vor dem vereinbarten Termin rief er mich an und meinte, ich solle unbedingt Olivia zu dieser Verhandlung mitbringen, denn es sei ein Sachverständiger anwesend, der sofort Olivia untersuchen und ein Gutachten stellen würde. Ich erwiderte höflich, dass ich wie vereinbart zum Termin erscheinen werde, alles Weitere werde sich dann zeigen.


Mein Schwiegervater schloss die Reparaturarbeiten an meinem Wagen ab und ich machte mich auf den Weg zum Bezirksgericht Wr. Neustadt.

Erste Pflegschaftsverhandlung

Richter Masizek verspätete sich um ca. 10 Minuten. Der Sachverständiger Dr. Hawel kam kurze Zeit später hinzu, verhielt sich aber in der ersten Stunde der Verhandlung absolut ruhig. Dem Richter legte ich ein Schreiben vor, in dem ich um eine schriftliche Vorladung bat. Richter Masizek missverstand, wurde böse und drohte, dass es nun mit seiner Geduld aus sei. Ich könne dieses Schreiben haben, aber auf sein „goodwill“ bräuchte ich nicht mehr zu hoffen. Ich musste ihn beruhigen und erklärte ihm, dass ich lediglich die Vorladung schriftlich haben möchte, die Verhandlung könne er ruhig eröffnen. Ein Sekretär tippte schnell die Vorladung, fertigte jedoch auch jene für Erika aus, welche mir der Richter auch überreichen wollte. Ich verweigerte deren Annahme, denn Erika war ja auch nicht anwesend.

Als ich meine Vorladung in den Händen hielt, erklärte ich offen, Olivia nach den Therapievorschlägen der Neuen Medizin von Dr. Hamer therapieren zu wollen. Der Richter machte sich über meine Aussagen Notizen, die er nach einiger Zeit umformuliert zu Protokoll sprach. Ich musste sehr aufpassen, unterbrach ihn oft und ließ ihn umformulieren. Er spielte den Ungeduldigen, mir war dies gleichgültig. Ich sprach, er unterbrach mich, darauf unterbrach ich ihn, worauf er forderte, ich solle ihn aussprechen lassen und ich darauf hinwies, dass er mich unterbrochen hatte. Natürlich behaupteten der Richter und der Urologe, nichts von Dr. Hamer zu wissen. Ich erklärte, dies nicht zu glauben, da Dr. Hamer seine Schriften ja an alle Kliniken, Universitäten und Gesundheitsministerien versandt hatte. Es könne sich niemand ausreden, von nichts gewusst zu haben, und ich verurteilte alle, dennoch an dieser menschenunwürdigen Chemotherapie festzuhalten. Ich kann nicht mehr genau sagen, was alles auch auf Tonband gesprochen wurde. Ich hörte mir das Band zwar ein zweites Mal an, empfand diese Protokollierung jedoch als Farce. Nur ein Teil entsprach meinen Aussagen. Wesentliches war nicht darauf gesprochen worden. Der Urologe behauptete, dass die schulmedizinische Erklärung der Metastasenbildung keine Hypothese sei.

Der Richter erklärte im Protokoll, ich spräche nur Unsinn und ich käme ihm vor, als sei ich hypnotisiert. Ärgerlich fand ich seine ständig falsche Aussprache des Namens Hamer als „Harmer“. Zwei, dreimal korrigierte ich ihn, dann ließ ich es sein. Nach einiger Zeit mimte der Richter Hoffnungslosigkeit, mich umstimmen zu können, verwarnte mich eindringlich, doch ohne Erfolg, schlug den Akt zu und erklärte, mir hiermit das Sorgerecht entzogen zu haben. Offenbar glaubte er, dass ich somit zusammenbrechen würde.

Ein paar Augenblicke waren alle still. Ich blickte dem Richter in die Augen und nickte stumm mit dem Kopf. Da war aber nun der Richter betroffen, schaute hilflos zum Urologen und rang nach Worten. Er bat mich, doch noch alles mit meiner Frau zu besprechen und alles nochmals zu überschlafen. Die Auseinandersetzung begann von vorne. Wieder redeten sie auf mich ein. Schließlich spitze sich die Situation auf folgende Problematik zu: Dr. Hamer war überzeugt, dass sich der Tumor nicht weiter vergrößern werde und nach seiner völligen Indurierung und bei nicht störender Größe auch ruhig im Körper verbleiben könnte. Die Schulmedizin vertritt aber die Meinung, dass von jedem Tumor aus die potentielle Gefahr einer Metastasenbildung ausginge. Diese vermeintliche Gefahr bestätigte der Urologe. Jetzt griff der Richter auf überraschende Weise ein. Er unterbreitete den Vorschlag, ich solle Olivias Tumor durch weitere CTs kontrollieren lassen und wenn dieser seine Größe nicht ändert, werde er als Richter die Gefahr der Metastasenbildung verantworten.

Ich war verblüfft über die plötzliche Wendung dieser Verhandlung, womit sich dann auch die vorherige Aussage über den Sorgerechtsentzug als Bluff erwiesen hatte! Der Urologe verließ ohne Einwand den Verhandlungsraum und ich bedankte mich noch für die mir entgegengebrachte Umsicht des Richters.


Meine Freude war riesig und meine Stimmung in Hochform. Wie war doch die Bibelgeschichte mit den Makkabäer-Brüdern verlaufen? Ich dankte Gott, dass ich ihn wieder finden durfte. Sofort informierte ich Erika über die richterliche Entscheidung. Somit war klar, dass Erika und Olivia nächsten Tag wieder nach Hause kommen konnten. Als Röntgenologen wählte ich widerum jenen aus Mödling.

Vereinbarungsgemäß informierte ich „täglich alles“ vom jetzigen Stand.

Telefonat mit der Rechtsanwaltskanzlei Müllberger:

Der Konsulent Herr Mag. Benedikt rief mich an und meinte, dass seine Kanzlei nicht zweite Wahl sei. Damit machte er mir zum Vorwurf, dass ich mich auf Rechtsanwälte von Frau Dr. Petrovic verlassen hätte und eben auch enttäuscht wurde. Außerdem kenne er jemanden beim „ORF“, der sicherlich an dieser Geschichte Interesse habe. Wir vereinbarten, dass, sollte neuerlich ein Anwalt erforderlich sein, ich mich ganz sicher an seine Kanzlei wenden würde.

Erikas Tagebuchnotizen:

Olivia musste den ganzen Tag über wegen ihrer Schmerzen im Bett verbringen.

Liste mit allen Tagebucheinträge, chronologisch sortiert, aufrufen

Olivas tagebuch als PDF-Datei

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