Zu Hause

Olivia darf Weihnachten bei Ihren Eltern verbringen. NEWS begleitet die kleine Krebspatientin beim ersten Familienausflug auf den Wiener Christkindlmarkt.

Mit glänzenden Augen reitet Olivia neben ihrem Bruder am Pferdchen des Karussells im Wiener Rathauspark. Aus dem Lautsprecher säuseln Weihnachtslieder, oben in den Bäumen hängen leuchtend rote Herzen. Nur eine Stunde zuvor hatte NEWS die Familie Pilhar vor der Kinderklinik des AKH getroffen. Um Olivia für einen Nachmittag aus der nüchternen Atmosphäre des Spitals zu holen. Begleitet von ihren Geschwistern Elisabeth, 4, und Alexander, 7, stakst Olivia vorbei an all den verlockenden Attraktionen.

Eine Stunde lang scheint die sechsjährige Krebspatientin alle Qualen zu vergessen, die ihr im vergangenen halben Jahr das Leben zur Hölle gemacht haben. Die lila Haube wärmt den kahlen Kopf, ihre langen braunen Haare fielen schon vor Wochen der Chemotherapie zum Opfer. Ihre dünnen Beine stecken in Unterschenkelprothesen, weil eine spastische Lähmung als “Nebenwirkung” der Chemo auftrat.

Beim Rundgang durch den Park erzählt Olivia, daß sie “vorgestern daheim rodeln war” und daß “das auch großen Spaß gemacht hat“. Seit kurzer Zeit bekommt sie Ausgang, die Ärzte verordneten Bewegung an der frischen Luft. Bei der Rundfahrt mit einer kleinen Elektrobahn ist Olivia stolz, trotz Daueraufenthaltes im Krankenhaus schon lesen gelernt zu haben. Sie schaut lange das Ticket an und liest, ohne zu stocken, vor: “Fahrkarte“.

Die drei Junior-Pilhars sind bescheidene, eigentlich schüchterne Kinder, die es offensichtlich genießen, wieder einmal vereint aufzutreten. Während der vergangenen Monate war Olivia zumeist ans Krankenbett gefesselt, fast immer von ihrer Mutter betreut. Zweimal pro Woche wechselt sich Erika Pilhar mit ihrem Mann Helmut ab, nur sehr selten waren alle beisammen.

Fast scheint es so, als hätte der “Fall Olivia” ein Happy-End gefunden. Mit der Familie Pilhar freuen sich Hunderttausende Österreicher, die um das lebensgefährlich erkrankte Kind gezittert haben. In der NEWS-Gallup-Umfrage gibt jeder dritte Befragte an, daß ihn das Schicksal von Oliviasehr stark bewegt hat” (siehe Seite 92).

Anfang vom Ende.

Und so war es zum Rummel um Olivia gekommen. Am 18. Mai erfuhr die harmonische Familie Pilhar die Diagnose: Wilmstumor an der Niere. Olivias Vater über die Ärzte: “Ich war nicht a priori ein Gegner der Schulmedizin, aber der arrogante und unpersönliche Umgang im St.-Anna-Kinderspital hat uns vertrieben.” Die Ärzte des Kinderspitals ließen die Eltern von Olivia ein Wochenende lang im ungewissen, was weiter geschehen solle.

Heimflug.

Die Objektive von Medien aus ganz Europa sind auf die kleine Krebspatientin gerichtet. Mit Ärztin Marcovich reist sie in der Flugambulanz heim nach Wien.

Flucht.

Olivia mit aufgeblähtem Bauch am Strand von Malaga (I.). Am Flughafen leidet sie unter schweren Bauchschmerzen und wird von “Heiler” Hamer getätschelt.

Chemotherapie.

Olivia ist den Tumor los, leidet aber unter Nebenwirkungen. Während der Therapien wird sie über eine Sonde ernährt.

Die Pilhars konsultierten verunsichert andere Mediziner und gelangten über Umwege an den “Wunderheiler” Geerd Ryke Hamer. Der Begründer der obskuren “Neuen Medizin” versprach kühn: “Olivia wird bald wieder gesund. Der Tumor hat auch was Gutes. Ein innerer Konflikt muß gelöst werden, dann wird Olivia ohne Operation und Chemotherapie wieder gesund.

Die Medienhatz.

Als die Chemo am 22.Mai hätte beginnen sollen, war die Familie bereits fort. Vater Pilhar über die Flucht nach Kärnten: “Geerd hat’s in der Nase gehabt, daß die Behörden hinter uns her sind.” Während der Tumor schnell weiterwuchs, jettete die Familie deshalb zu Hamers Stützpunkt im spanischen Malaga. Schließlich stöberten Reporter des deutschen Fernsehmagazins “Spiegel TV” die Familie und den “Heiler” auf. Pilhar über diese Story: “Ab da ging die Jagd auf uns erst so richtig los.”

Journalistenteams umzingelten die Familie mit dem kranken Kind auf Schritt und Tritt. Hamer nützte die Publicity, um seine Thesen zu verbreiten. Olivia und ihre Eltern waren plötzlich europaweit bekannt. Die Story war ein gefundenes Fressen für alle Medien: Ein kleines hübsches Mädchen mit aufgeblähtem Bauch auf der Flucht vor den Ärzten. Da ging es um viel Gefühl, um den Streit zwischen Schulmedizinern und dem “Wunderheiler” und nicht zuletzt um die Frage, wann und in welchem Ausmaß der Staat in Elternrechte eingreifen darf.

Die Heimkehr.

Nach sieben dramatischen Wochen setzte die prominente Kinderärztin Marina Marcovich ihr ganzes diplomatisches Geschick ein und überredete die Eltern zur Rückkehr nach Wien. Olivia wurde im Wiener AKH operiert und einer Strahlen- und Chemotherapie unterzogen, die nach wie vor andauert. Obwohl die Vernunft siegte, wurde den Eltern das Sorgerecht entzogen, sie haben es bis heute nicht zurückbekommen. Helmut Pilhar verlor ~ noch auf der Flucht ~ seinen Job als EDV-Spezialist bei “Schrack“. Und Lehrerin Erika Pilhar wird sicher noch länger zu Hause bleiben, weil sie im Juni das vierte Kind erwartet. Die Ersparnisse ~ eigentlich für einen Neubau vorgesehen ~ schmelzen dahin.

Wenig Optimismus.

Helmut Pilhar glaubt nicht, daß Olivia ihren Krebs schon überstanden hat: “Ich höre dauernd, daß es dem Kind ohnehin gut gehe. Aber die Chemo ist eine Vergiftungstherapie. Olivia hat nur noch eine Niere, und es ist die Frage, ob sie später ein Dialysefall wird, und auch, ob sie jemals Kinder wird bekommen können.” Die starken Nebenwirkungen der Chemokeule geben Olivias Eltern zu denken: “Wer weiß, ob sich die spastische Lähmung jemals wieder zurückbilden wird. Das Kind überlebte bis jetzt. Wir bekommen das Leid hautnah mit.” Dieses Leid dokumentiert Pilhar, der nach wie vor von Hamers “Neuer Medizin” überzeugt ist, mit Fotos seiner weinenden Tochter: “Als wir auf der Flucht waren, wurden ihre Tränen gegen uns eingesetzt. Jetzt sollen alle sehen, wie es ihr heute geht.

Olivia leidet noch immer. Nach einer knappen Stunde am Christkindlmarkt beginnt sie zu weinen. Kälteschauer schütteln ihren schwachen Körper. Und immer wieder wimmert sie leise: “Ich habe so Bauchweh, ich will nach Hause.” Helmut Pilhar trägt sie unerkannt vorbei an jenen Menschen, die im Sommer noch so hitzig über den “Fall Olivia” diskutiert haben. Weihnachten wird Olivia mit ihrer Familie zu Hause verbringen dürfen. Doch schon am 25. Dezember muß sie im AKH die nächste Chemotherapie beginnen.

CLAUDIA SCHANZA


Olivia Pilhar war ein Quotenhit für die Medien.

Gedanken zum Medienspektakel des Jahres rund um “Krebskind Olivia“.

Am Runden Tisch zum “Medienfall Olivia” diskutierten NEWS-Chefredakteur, Werner Schima, Kinderärztin Marina Marcovich, der ehemalige ZiB-Chefredakteur Hans Besenböck, der kritische ORF-Stratege Franz Manila, Kommunikationsprofessor Thomas Bauer und Olivia‘s Vater Helmut Pilhar (von r.n.l.). Das ausführliche Gespräch finden Sie in der aktuellen Ausgabe von “TV-Madia“. NEWS bringt die stärksten Zitate aus der Diskussion.

Besenböck: “Das war eine hochspannende Story: es ging um Leben und Tod, Schulmedizin gegen Alternativheiler und war auch ein bisschen eine Kriminalstory. Die ZIB hatte in dieser Zeit 3 % mehr Zuseher.

Bauer: “Da wurde die österreichische Mentalität sichtbar; irrationale Momente haben eine große Rolle gespielt.

Manila: “Der Zweck heiligt die Mittel. Ich glaube, daß Olivia überlebt hat, weil diese Geschichte in den Medien so groß gespielt wurde“.

Schima: “NEWS hat in dieser Sache Stellung bezogen und sie müssen zugeben, Herr Pilhar, daß es Olivia relativ gut geht”.

Marcovich: “ich stehe unserem medizinischen System kritisch gegenüber und will nicht hochjubeln, wie es Olivia jetzt geht. Ich habe mich oft gefragt, ob ich ihr was Gutes tu’, indem ich sie von Malaga heraufhole.

Pilhar: “Ich vermisse die gründliche Recherche. Wenn der Fall zumindest dazu führen würde, daß Hamer’s ‘Neue Medizin‘ objektiv untersucht wird, dann hat Olivia‘s Leiden wenigstens einen Sinn gehabt.”

Anmerkung von H. Pilhar

Berichtet hat wirklich fast jede Zeitung und fast jeder Sender. Nach einer Überprüfung der Germanischen Heilkunde von Dr. Hamer wagte aber niemand zu fragen.

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