Morgens auf der Bezirkshauptmannschaft:

Herr Hofrat Marady kam erst gegen 8:00 Uhr. Er erklärte, dass wir nicht vereinbart hätten, den Reisepass an einem Feiertag am Gendarmerieposten zu hinterlegen. Da ich dementierte, dies mit ihm sehr wohl vereinbart zu haben, versuchte er es schließlich als ein Missverständnis hinzustellen. Vermutlich hatte er es einfach vergessen, überlegte ich und beließ es dabei.

Er holte die Reisepässe und übergab mir den meinigen. Eigentlich bräuchte überhaupt nur Erika ihren Pass zu hinterlegen, da nur bei ihr Olivia eingetragen sei und meinen könnte ich ja in Hinkunft behalten, schlug ich dem Hofrat vor. Er erwiderte, dass er aber gerade vor mir „Angst“ habe, dass ich unüberlegt handeln könnte. Die Frauen, so erklärte er weiter, seien im Allgemeinen besonnener.

Eigenartig umständlich war sein Vorschlag, ich sollte hinkünftig meinen Reisepass in Bad Fischau abliefern, der Reisepass von Erika sollte aber auf der BH – Wr. Neustadt bleiben.

Typisch war wieder sein geführter Monolog, welchen er wiederholt mit der Bemerkung schmückte, mit mir nicht diskutieren zu wollen und eigentlich von mir keine Antwort und kein Statement wünsche, da sowieso unsere beiden Ansichten über die Chemotherapie grundverschieden seien. Einen sarkastischen Lacher konnte ich nicht unterdrücken, hörte ihm aber höflich bei seinen Ausführungen zu, obwohl ich schon längst auf der Autobahn Richtung München unterwegs hätte sein müssen. Mit mehreren ausführlichen Beispielen erklärte er mir, dass viele ihm persönlich bekannte Leute zu Belangen, von denen sie absolut keine Ahnung hätten und nur aus Büchern wüssten, öffentlich ihre Meinung kundtäten.

Damit spielte er natürlich auf mich an. Er wollte mir erklären, dass ich wohl belesen war, aber absolut keine tiefgreifenden medizinischen Zusammenhänge verstand. Weiters war es für Herrn Hofrat Marady typisch, immer wieder zu betonen, dass er auch selbst von medizinischen Fragen absolut nichts verstehen würde und sich absolut auf die Ärzte verließe.

Der tragische Unterschied zwischen ihm und mir war aber doch der, dass er, trotz selbst eingestandener Unwissenheit, in der Position stand, Entscheidungen über die Therapie meiner Tochter treffen zu dürfen. Zumindest offiziell …

Dann meinte er, mit mir „von Mann zu Mann“ sprechen zu können und erklärte, dass leider oftmals eine Chemotherapie nur mehr zur Lebensverlängerung gegeben werden würde, dies aber, Gott sei Dank, bei Olivia nicht der Fall sei.

Ich überlegte, ob ich ihn erneut auf die Studie des Herrn Dr. Dr. habil. Abel, Universität Heidelberg, hinweisen sollte, die eine Lebensverlängerung durch diese Therapieform sehr in Frage stellt. Ich verkniff mir aber meine Bemerkung. Es hätte keine Sinneswandlung beim Hofrat erzielt.

Herr Hofrat Marady trat mir aber sonst absolut freundlich gegenüber auf, so dass es mir schwer fiel, ihm überhaupt böse zu sein. Freundlich erkundigte er sich über die mit den Kindern verbrachten Weihnachtsfeiertage. Wenn mir ein Mensch freundlich entgegenkommt, so ist es mir nur schwer möglich, ihn zu brüskieren, es sei denn, ich erkenne sein doppeltes Spiel. Beim Hofrat war ich mir da nicht sicher.

Treffen bei Familie Gärtner in München:

Nach einer kleinen Autopanne (der Stecker des Thermostates war abgegangen, so dass der Kühler fast übergekocht wäre) erreichte ich, dank der ausgezeichneten Wegbeschreibung, problemlos mein Ziel. Ich wurde herzlich von Gärtners empfangen, und nach einer kleinen Kaffeepause fuhren wir zu deren Gärtnerei, wo schon ein paar Leute auf die Vorführung des Wassersäuberungsgerätes warteten. Da sich Emir Ismail etwas verspätete, hatte ich Gelegenheit, mit einem in Not geratenen Pharmakologen Bekanntschaft zu schließen. Er war Franzose und Halbjude, hatte in aller Herren Länder an renommierten Universitäten studiert und vertrieb für einen großen Konzern Pharmazeutika und Gerätschaften. Die genauen Gründe seiner derzeitigen misslichen Lage verstand ich nur zur Hälfte, da seine Aussprache für mich sehr schwer verständlich war. So weit verstand ich aber, dass einer der Gründe eine Auseinandersetzung mit der Pharmalobby war, bei der er den Kürzeren gezogen hatte.

Ein für mich wichtiges Argument gegen die behandelnden Ärzte von Olivia kristallisierte sich aber im Laufe des Gespräches heraus. Die Ärzte erklärten immer wieder, Olivia mit zusätzlicher Strahlenbelastung eines CTs nicht belasten zu wollen. Warum erstellten sie dann kein NMR (Magnetresonanz)?
Bei diesem Verfahren wird statt einer Radiobestrahlung ein elektrisches Magnetfeld verwendet, welches den menschlichen Körper nicht belasten würde, die Bilder aber wesentlich schärfer darstellen konnte. Ich nahm mir vor, diese Frage bei nächster Gelegenheit auf das Tablett zu bringen.

Herr Ismail hatte das Gerät gebracht, und sofort wurde mit einer Brühe aus einer Sickergrube ein Versuch vorgenommen. Das Ergebnis war enttäuschend. Das gewonnene Wasser war trübe und roch. Erst mit der Zeit wurde klar, dass dieses Gerät lediglich ein Teil einer Gesamtanlage war, welche man sich wie Bausteine zusammensetzen musste. Dieses Gerät kann Festkörper bis 0,02 Mikrometer heraussieben. Bakterien haben einen Durchmesser von 1 μm. Nachgeschaltet werden kann ein Aktivkohlefilter und ein Gerät, das die Nitrate sowie Viren entfernen kann. Für einen Haushalt würde aber völlig ein Feststofffilter genügen.

Mitte Jänner, wenn der Emir wieder in Deutschland sein würde, wären auch die Überprüfungsergebnisse aus Oslo zur Verfügung und auch Prospektmaterial.

Sollte ich mit meiner Selbständigmachung seitens der Behörden Schwierigkeiten bekommen, so wäre auch eine andere Lösung für Herrn Ismail denkbar. Ich würde eben auf reiner Provisionsbasis arbeiten und könnte es mir aussuchen, ob diese in Österreich oder in den Emiraten ausbezahlt werden sollte.

Beide, der Franzose sowie der Emir erklärten mir, dass der Fall „Olivia“ in deren Ländern niemals möglich gewesen wäre (siehe Anmerkung des Verlages weiter unten). Die Elternrechte wären dort unantastbar. Der Franzose erwähnte auch, dass wahrscheinlich aus diesem Grunde diese Geschichte nicht derart präsent in den französischen Medien gewesen wäre.

Schließlich lernte ich noch einen Mann kennen, der ein homöopathisches Mittel gegen Algenbefall von Teichen und auch für Wachstumsförderung von Pflanzen entwickelt hatte.

Nach dem Abendessen bei den Gärtners brach ich meine Heimreise an. Dies tat ich gegen den Willen der Familie, die mich gerne bei ihr nächtigen lassen wollte. Sie überhäuften mich mit Proviant und Geschenken für Olivia und auch von ihrem 10-jährigen Sohn erhielt ich mehrere schöne Mineralienexemplare als Präsent für meine Kinder. Ein interessantes Mittel, welches imstande war, Wasser zu binden, wurde mir ebenfalls mitgegeben.

Die Heimreise war anstrengend, da meine Scheibenwischanlage zur Gänze ausgefallen war. Auf Deutschlands Autobahnen war Schneematsch, und ich musste mir schließlich wegen der verschmierten Windschutzscheibe etwas einfallen lassen. Bei einer Tankstelle fand ich eine leere Plastikflasche, in der sich ein Scheibenreinigungsmittel befunden hatte. Ich füllte sie mit Wasser, bohrte mit meinem Taschenmesser ein Loch in den Verschlussdeckel und konnte somit unter der Fahrt, Wasser mit Reinigungsmittel auf die Windschutzscheibe aufsprühen.

Gegen 1:30 Uhr kam ich müde zu Hause an.

Anmerkung des Verlages

Hier irrt der Franzose leider. So hatten französische Eltern, die im Falle ihres leukämiekranken Kindes vor 4 Jahren die Chemotherapie abgelehnt hatten u. darauf das Sorgerecht verloren, mit ihrem heute gesunden Kind damals eine Flucht nach Kanada angetreten und angeboten, die Adresse an Familie Pilhar weiterzuleiten, was jedoch zeitlich mit deren Spanienaufenthalt zusammenfiel. Auch ist es in Frankreich so, dass ein Patient mit diagnostiziertem „Hirntumor“ automatisch entmündigt wird.

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