Mit Erika trafen Judith, ihre Schwägerin, und Erikas Bruder Willi ein. Meine Schwester Michaela kam ebenfalls auf Besuch. Erika war wie ausgewechselt. Gestern war sie deprimiert und kraftlos, heute strotzte sie vor Energie.

Den Grund dafür erfuhr ich bald. Erika hatte die Absicht, einen alternativen Weg mit Olivias Krankheit zu beschreiten. Ich war entsetzt! Ich selbst hatte mich mit der gegebenen Situation so einigermaßen abgefunden, war auch der Überzeugung, dass hier Olivia wahrscheinlich geholfen werden könnte, und jetzt wollte meine Frau einen gänzlich anderen Weg einschlagen. Und welch einen Weg noch dazu?

Sie wollte zu ihrer Cousine Karin gehen und um Hilfe bitten. Deren Mann Gerald war seit geraumer Zeit als holistischer Berater tätig. Die beiden vertraten für mich absolut obskure Ideen, z.B. würde ihrer Überzeugung nach die Erde bald zugrunde gehen und lediglich ein paar auserwählte Seelen sollten von Außerirdischen gerettet werden. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Was sollte ich nun tun? Ich erklärte Erika, dass mir ihr Weg absolut gefährlich erschien und machte sie darauf aufmerksam, hierfür alleine die Verantwortung übernehmen zu müssen. Mit allem erklärte sich Erika einverstanden. Ich war der Verzweiflung nahe. Sollte ich es ihr verbieten? Und was, wenn im St. Anna-Kinderspital Olivia nicht geholfen werden konnte? Dann würde Erika, wahrscheinlich zu Recht, mir den Vorwurf machen, nicht alles unternommen zu haben.

Auch Willi und Judith bearbeiteten mich, mir doch zumindest eine Alternative aufzeigen zu lassen. Ich fühlte mich entsetzlich und drohte innerlich zu zerreißen.

Ich gab schließlich nach. Wir machten uns auf den Weg zu Karins Schwiegermutter. Dazu borgten wir uns das Auto meiner Schwester, da unseres zu Hause stand. Bei dieser Familie eingetroffen, führten sie uns vorerst in ein Zimmer. Dort hatten wir unter ihrem Beisein solange zu warten, bis Gerald, ihr Sohn und Karins Ehemann, mit seiner Sitzung zu Ende war. Das Zimmer war voll mit Büchern und Tonkassetten. Alles einschlägig, so schien es mir. Geralds Mutter hatte ich zuvor noch nicht kennen gelernt. Sie war eine Dame um die 50 Jahre, sonnengebräunt und mit einem strahlenden Lächeln. Sie erschien mir recht herzlich, doch hatte ich Vorbehalte ihr und ihrem Sohn gegenüber. Ich überließ es Erika fast zur Gänze, die Konversation zu führen.

Schließlich kam Gerald und führte uns in das Wohnzimmer, in dem mehrere, mir unbekannte Personen anwesend waren. Ingeborg, seine Mutter, sorgte für einen gedeckten Tisch mit Kuchen, Getränken und verschiedenem mehr. Zu Geralds Rechten saß eine Frau, die sich später als Geralds Medium, zu den für Kinesiologen üblichen Befragungsritualen, zur Verfügung stellte. Ich gebe zu, dass das Folgende auf mich einen sehr merkwürdigen und äußerst fragwürdigen Eindruck machte. Gerald fragte das Medium über Olivias Krankheit aus. Dazu stellte er die entsprechende Frage, drückte mit beiden Händen auf die ausgestreckten Arme des Mediums und erkannte am Gegendruck ihrer Arme, die jeweils entsprechende Antwort. War der Gegendruck stark, so war seine Frage mit „Ja“ beantwortet und umgekehrt. Er gab vor, alles Mögliche erfragen zu können. Ob Olivia nur diesen Tumor habe, ob Olivia sonst metastasenfrei sei und vieles mehr.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aber auch mit den übrigen Anwesenden ein interessantes Gespräch. Gut erinnere ich mich an ein Pärchen, beide etwa 30 Jahre alt. Der Mann litt vor einem Jahr an Gehirntumor und wurde operiert. Bevor man ihm jedoch die Chemo verabreichen wollte, konnte ihn seine Freundin aus dem Spital herausbekommen. Er selbst war damals in einem nicht aufnahmefähigen Zustand und bekam von seiner Umgebung und von dem, was da eigentlich mit ihm passierte, nicht viel mit. Die Ärzte waren natürlich über das Vorgehen seiner Freundin fürchterlich entsetzt und prophezeiten ihr den baldigen Tod ihres Freundes. Er überlebte aber alle bisherigen Todestermine der Ärzte und ich hatte wirklich den Eindruck, dass es ihm eigentlich recht gut ging. Seine Freundin erzählte noch den Augenblick ihres Erscheinens im Spital recht eindrucksvoll. Gerade als sie das Krankenzimmer ihres Freundes betrat, sah sie, wie die Nadel der Chemospritze am Arm ihres Freundes abglitt und sich verbog.

Gerald vertrat die Ansicht, dieser Mann hätte nie einen Gehirntumor gehabt. Er litt an einem ganz anderen Krebs. Dies stellt er mit Hilfe seines Mediums, also dieser Frau neben ihm fest.

Ich ließ alles an mich heran, wollte zwar glauben, konnte aber nicht. Ich erkannte keine Therapie, ich erkannte keinen Ausweg für Olivia. Ich nahm mir vor, wenn Erika darauf bestehen würde, bei Gerald Hilfe zu suchen, ihr ordentlich die Leviten zu lesen. Ohne mich! Ich würde ihr mit allem drohen, auch mit dem Gesetz!

Schließlich wurde aber das Gespräch auf einen Krebsarzt namens Dr. Hamer gelenkt und uns wurde eine Adresse einer Wiener Ärztin überreicht, die entsprechend den Erkenntnissen dieses Arztes vorgehen würde. Damals brachte ich Dr. Hamer noch mit Geistheilung in Zusammenhang und war überhaupt nicht beeindruckt. Wir erhielten auch Bücher über seine angeblichen Entdeckungen.

Wir kehrten zu Olivia ins Kinderspital zurück. Da geschah etwas Unvorhersehbares. Wegen Platzmangels wurde ein achtjähriges Mädchen zu uns ins Zimmer verlegt. Sie hieß Anna und hatte bereits eine einjährige Chemotherapie hinter sich. Ich war über Annas psychische und physische Verfassung entsetzt.

Auch Erika und Olivia waren sichtlich betroffen. Anna litt an Knochenkrebs. Mein Bett wurde für sie frisch bezogen und man stellte mir ein Feldbett im selben Zimmer in Aussicht. Anna wurde abgewogen. Die Schwester brachte zu diesem Zweck die Waage ins Zimmer und Anna stellte sich darauf. „22,5 kg! Gott sei Dank, zugenommen!“ Das waren Annas erste Worte und sie trafen mich mit großer Wucht.

Ihre Eltern und die Schwestern kümmerten sich darum, Annas Habe zu verstauen und ihr es so bequem wie möglich zu machen. Auch wurden ihr sogleich Medikamente vorgesetzt, die Anna aber mit der Begründung, nicht schlucken zu können, verweigerte. Der kurze Dialog der Schwester mit Anna entsetzte mich noch mehr. „Schau Anna“, meinte die Schwester, „kannst Du gut schlucken, bekommst Du das Medikament in Tablettenform. Kannst Du weniger gut schlucken, bekommst Du das Medikament in Tropfenform und kannst Du überhaupt nicht schlucken, bekommst Du es intravenös. Du kannst es Dir aussuchen.“ Erst im Laufe der Zeit erfuhr ich, dass die Chemotherapie großen Schaden an den Schleimhäuten verursacht. Sowohl im Mund und Rachenbereich, als auch im Darm.

Es gelang mir, ein kurzes Gespräch mit Annas Vater zu führen. Er erklärte, dass die Behandlung ursprünglich für ein paar Monate geplant war, jetzt aber bereits ein Jahr dauerte. Anna hätte nun die vorletzte Chemorunde vor sich. Dann, so meinte er, habe sie es überstanden. Mehrere Operationen musste sie schon über sich ergehen lassen. Teile des Schienbeins und des Knies mussten durch Implantate ersetzt werden.

Dies war für mich eigentlich der Auslöser, Erikas Wunsch, nach Alternativen zu suchen, doch nachzugehen.

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