Gegen 6:00 Uhr lief der Wecker ab. Die Nacht hatte ich sehr unruhig verbracht. Träume über meine bevorstehende Psychiatrisierung quälten mich. Für 6:30 Uhr war ein Taxi von der Redaktion „Fliege“ für mich bestellt worden, welches ich jedoch zurückschickte. Kurze Zeit später rief mich der Redakteur von „Fliege“, Herr Linde, an und beschimpfte mich nach längerem, nutzlosen Hin und Her auf das Schlimmste. Er meinte, mir sagen zu müssen, was alle Leute bereits von mir dachten und zwar, ich sei ein Verrückter und ein sehr schlechter Vater.

So wäre also der Hase gelaufen. Das Volk musste dumm bleiben. Nur so war es lenkbar. Hierzu war jedes Mittel recht. Man ging auch skrupellos über Einzelschicksale, ja sogar über die Schicksale einzelner Familien hinweg, wenn es darum ging, den Schein wahren zu müssen.

Wie sollte ich aus dieser Geschichte jemals wieder heil rauskommen? Wie sollte ich den Psychiater abwenden?

Besuch bei Olivia:

Der abkommandierte Sicherheitsbeamte blieb während der gesamten Besuchszeit in der Krankenzimmertür stehen. Er konnte jedes gesprochene Wort mithören. Frau Dr. Slavc gestattete mir, an diesem Tag Olivia ein zweites Mal zu besuchen. Sie teilte dem Sicherheitsbeamten und dem Pflegschaftspersonal mit, dass ich auch künftig mein Kind öfters als bisher sehen dürfe.


Als ich wieder auf den Weg zur Tiefgarage war, schritt ich zufällig direkt auf einen parkenden Wagen zu, in dem der Fahrer saß. Wir waren in direktem Blickkontakt. Dieser wurde plötzlich sichtlich nervös, und als ich an ihm vorüberging, wandte er sich mir nach. Wer war das? War er ein Beschatter oder war dies alles bloß ein Zufall? Ich getraute mich nicht, mit meinem Wagen wegzufahren. Unschlüssig schritt ich in der Tiefgarage auf und ab. Schließlich ging ich nochmals zurück, um nachzusehen, was nun dieser Mann machte. Er war samt seinem Wagen verschwunden. Sicherheitshalber fuhr ich mit der U-Bahn zu meinem Rechtsanwalt in die Innenstadt.

An der U-Bahnstation erkannte mich ein altes Ehepaar. Die ältere Dame deutete unverhohlen mit dem Kopf in meine Richtung und fragte ihren Mann, ob auch er mich wiedererkenne.

Mein Bekanntheitsgrad war bereits unerträglich geworden. Wie sollte ich unterscheiden zwischen bloßem Erkennen und gezieltem Überwachen meiner Person? Ich musste mich beherrschen, um nicht dieser blöden Alten eine Grobheit an den Kopf zu werfen.

Treffen mit Herrn Magister Rebasso:

Er besprach sich kurz mit Prof. Friedrich in meinem Beisein am Telefon. Professor Friedrich zeigte sich recht ungehalten und meinte sogar, meine Verzögerungstaktik werde sich in dem Gutachten niederschlagen. Magister Rebasso war sehr über den Zorn des Professors verwundert und führte ein weiteres Gespräch mit dem Richter Spies, damit dieser den Professor von dem vermeintlichen behördlichen Druck zur Erstellung des Gutachtens befreite.

Telefonat mit „Radio Bremen“:

Es wurde mir eine Fernseh-live-Sendung mit Dr. Hamer angeboten.

Telefonat mit Dr. Hamer:

Er hatte bereits „Radio Bremen“ sein Kommen zugesagt.

Für kommenden Donnerstag oder Freitag sei eine freiwillige Überprüfung der Neuen Medizin von der Uni Tübingen geplant. Die Universität erhalte unzählige Anrufe mit der Frage, ob nun die Neue Medizin bereits überprüft worden ist oder nicht und sie würde dadurch unter starkem Zugzwang stehen. Am 1. Oktober wäre in Tübingen ein Dekanwechsel, und der neue Dekan wäre mit Dr. Hamer bekannt. Sollte diese freiwillige Überprüfung in einer Woche nicht erfolgen, so müsse sie Anfang Oktober, spätestens aber Ende Oktober auf seine Forderung hin mit Gerichtsbeschluss erfolgen.

Die Universität Tübingen war bereits im Januar 1994 gerichtlich vollstreckt worden, da sie ihren Verpflichtungen, Dr. Hamers Habilitationsverfahren korrekt durchzuführen, nicht nachgekommen war.

Ich getraute mich gar nicht, Freude aufkommen zu lassen. War Dr. Hamer nicht schon wieder einmal zu optimistisch? Würde er anerkannt werden? Konnten seine Gegner wirklich noch nachgeben? Wenn ja, was passiert dann? Wenn nein, was dann? Krieg?

Welche Aufgabe war da uns zuteil geworden? Was hat da das kleine „Steinchen“ Olivia nicht alles ins Rollen gebracht?


Mit Sepp fuhr ich abends in ein Beisl (Kneipe). Dort traf ich einen ehemaligen Arbeitskollegen, merkte aber sofort, dass dieser mit mir nichts zu tun haben wollte. Wie verhetzt die Menschen durch die Medien waren!

Erikas Tagebuchnotizen:

Ich habe sehr gut geschlafen, auch Olivia. Heute sprach sie bereits viel mehr als gestern. Um 11 :00 Uhr wurde Olivia von den Infusionen abgehängt und mit Hilfe der Schwestern ging sie zum Waagesessel, blieb dann eine Viertelstunde im Lehnsessel sitzen und ging dann wieder zu Bett.


Liste mit allen Tagebucheinträge, chronologisch sortiert, aufrufen

Olivas tagebuch als PDF-Datei

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