Sie hält einen Kuschel-Elefanten im Arm, lächelt in die Kamera des BamS-Fotografen: Krebskind Olivia (6) – in einer dreistündigen Operation wurde ihr Nierentumor entfernt, sie ist gerettet! Ganz Europa nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Wochenlang waren die Eltern mit Olivia auf der Flucht, riskierten das Leben des Kindes, weil sie lieber einem dubiosen Wunderheiler vertrauten als den Fachärzten. Erst Ende Juni begann in Wien die Chemotherapie, die die Operation möglich machte. Was sich Olivia jetzt wünscht, was die Ärzte sagen – Seiten 8/9

Krebskind Olivia: „Ich möchte endlich in die Schule gehen!“

Von Fred Sellin und Rudolf Alert (Fotos)

Wenn die Mutter ihr das Kopfteil des Krankenbetts hochstellt, kann Olivia die Sonne sehen – und den Himmel über Wien, den die Wolken mit einem wunderschönen blauweißen Streifenmuster verziert haben. Olivia bittet die Mutti oft um diesen Gefallen, denn sie kann nicht genug bekommen von der Sonne und dem Himmel und den Wolken.

Vor einer Woche haben die Krankenschwestern die 6jährige auf Zimmer eins der Kinderstation im 9. Stock des Allgemeinen Krankenhauses Wien gebracht – zurück ins Leben. Es ist die Station der kleinen Normalpatienten, der Kinder, die wieder lachen dürfen, weil sie das Schlimmste besiegt haben – den Tod.

Als die Ärzte am 30. Juli begannen, das Mädchen einer Chemotherapie zu unterziehen, war der Nierentumor im Bauch groß wie ein Fußball und mehr als vier Kilo schwer. Der rasend schnell wachsende Tumor hatte zur Atemlähmung geführt, den Kreislauf extrem geschwächt und die Nieren versagen lassen. Dazu kam eine akute Lungenentzündung. Olivias Überlebenschance: gerade mal zehn Prozent.

Sie musste von Maschinen beatmet werden, wurde in ein künstliches Koma versetzt. Erst Wochen später war die Geschwulst so weit geschrumpft, dass man operieren konnte.

Wenn Olivia heute das Oberteil ihres Blümchenschlafanzugs hochstreift, sieht man eine sechszehn Zentimeter lange Narbe, die sich quer über ihren Bauch zieht. Die 24 Klammern, von denen die Wundränder zusammengehalten wurden, hat Professor Horcher am Donnerstag entfernt

„Es tut nur noch ein bisschen weh“, sagt sie mit ihrer leisen Stimme und dreht den Kopf wieder zu den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster kommen.

Sie will am liebsten sofort raus aus dem diesem Krankenzimmer, durch die grüne Tür entwischen in die Freiheit – dorthin, wo die Sonne nicht von dicken Glasscheiben ausgesperrt wird. Und träumt davon, neben der Freundin aus ihrem Heimatdorf Hohe Wand in der Bank zu sitzen, als Erstklässlerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. „Ja“, sagt Olivia und drückt ganz fest die rosa Füße ihres grauen Plüschelefanten, „ich möchte‘ endlich in die Schule gehen …“

Noch ist es nicht soweit: Operation und Chemotherapie haben Olivias Körper geschwächt. Sie isst zuwenig, wiegt nur 23 Kilogramm. Und wenn sie das Bett mit den vielen Kuscheltieren verlässt, fällt ihr jeder Schritt schwer.

Doch Olivia weiß, dass jeder Schritt ein kleiner Sieg auf dem Weg zurück ins Leben ist.

Der Chirurg: Eine Niere musste entfernt werden

Professor Dr. Ernst Horcher (45) ist Chef der Kinder-Chirurgie im Allgemeinen Krankenhaus Wien. Er leitete Olivias Operation am 18. September.

BamS: Der OP-Termin wurde geheimgehalten, der Eingriff zu einer ungewöhnlichen Tageszeit durchgeführt. Warum?

Horcher: Wir haben bis zuletzt gefürchtet, dass Olivias Eltern die Operation verhindern würden. Sie glauben ja offenbar immer noch, dass ein Wunderheiler ihr Kind hätte retten können. Um den Eingriff in Ruhe vornehmen zu können, haben wir damit begonnen, noch bevor die übliche Hektik im OP-Trakt losgeht. Um 6.30 Uhr kam Olivia in den Vorbereitungsraum, um 7 Uhr erhielt sie die Narkose. Eine Stunde später begann der Eingriff, der bis 10.45 Uhr dauerte.

BamS: Gab es dabei Komplikationen?

Horcher: Nein, die Operation verlief planmäßig. Wir haben zuerst den Oberbauch quer aufgeschnitten, dann den 15 mal 15 mal 10 Zentimeter großen Tumor entfernt. Problematisch war allerdings, dass die Krebsgeschwulst schon mit Leber, Dickdarm, Zwölffingerdarm und Bauchdecke verwachsen war. Außerdem drückte die Geschwulst die innere Hohlvene, die direkt zum Herzen führt, zusammen. Leider war die rechte Niere, von der der Krebs ausging, nicht mehr zu retten und musste entfernt werden.

BamS: Wird die Chemotherapie mit Zytostatika (Zellgifte) fortgesetzt?

Horcher: Ja, das ist notwendig, weil wir bei Olivia Metastasen in der Leber, im rechten Lungenflügel und im Gehirn entdeckt hatten. Die sind jetzt zwar verschwunden, aber um wirklich sicherzugehen, müssen wir die Chemotherapie noch sieben Monate fortsetzen.

BamS: Wann kann Olivia nach Hause?

Horcher: Durch Operation und Chemotherapie ist ihr Körper sehr geschwächt. Sie wiegt nur noch 23 Kilogramm, 28 wären normal für ihr Alter. Aber chirurgisch gesehen ist sie gesund. Wenn die Heilung weiter so gut voranschreitet, könnte sie in ein bis zwei Monaten entlassen werden – vorausgesetzt, ihre Eltern garantieren, dass Olivia ambulant weiterbehandelt wird.

BamS: Wird Olivia wieder völlig gesund werden?

Horcher: Statistisch gesehen überleben in ihrer Situation 80 Prozent der Patienten. Ich bin sicher, dass Olivia zu diesen 80 Prozent gehören wird.

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