Olivias Ärzte: “Sie wird’s schaffen”

Nach Olivia Pilhars Operation sind die Ärzte optimistisch. Bis kurz davor hatten Olivias Vater und die Jünger von “Wunderheiler” Hamer versucht, den Eingriff zu verhindern.

Die Erleichterung versucht Dr. Ernst Horcher erst gar nicht herunterzuspielen. Der erfahrene Chirurg hat eben eine Operation hinter sich gebracht, die alles andere als Routine war: Denn beim Eingriff an der sechsjährigen Olivia Pilhar hatte er und sein Team um mehr zu kämpfen als um das Leben eines krebskranken Kindes – nämlich um den Ruf seines ganzen Berufsstandes.

Denn Olivias Schicksal, das seit Monaten das Land bewegt, ist längst zu einem Glaubenskrieg zwischen Schulmedizin und Wunderheilerei geworden.

So klingt es fast ein wenig erstaunt, wenn Dr. Horcher wenige Stunden nach der geglückten Operation sagt: “Olivia ist schon wieder wach und redet. Es war ein absolut komplikationsloser Eingriff.”

Der Terror des Vaters

Viel schlimmer als die Operation selbst war, was die Ärzte in der Nacht davor durchzumachen hatten. Helmut Pilhar, der sich bis zuletzt gegen die schulmedizinische Behandlung seiner Tochter gewehrt hatte, versuchte noch spätnachts den Chirurgen zu terrorisieren. Dr. Horcher: “Er wollte uns den Eingriff verbieten, behauptete, seine Tochter wäre schwer verkühlt und daß wir die Operation nicht gut vorbereitet hätten.” Als Pilhars Handy versagte, griff er zu handfesteren Mitteln. Gegen ein Uhr früh, also sechs Stunden vor der alles entscheidenden Operation, tauchte er in der Kinderstation des AKH auf und schrie die diensthabenden Ärzte an. Im Gefolge: vier Männer, mit Tonband bewaffnet, die lautstark eine Verschiebung des Eingriffs forderten. Erst das AKH-Wachpersonal konnte die Eindringlinge beruhigen.

Die Nacht war nun der Höhepunkt. Immer wieder waren die behandelnden Ärzte von den Jüngern des “Wunderheilers” Geerd Ryke Hamer bearbeitet worden. In meterlangen Faxen wurden die Ärzte beschimpft und bedroht. Zitat Hamer: “In der langen Nacht nach der Operation werdet Ihr noch an mich denken.”

Dabei schien sich das Verhältnis zwischen der Familie und den Ärzten vor der Operation etwas entspannt zu haben. Prof. Radvan Urbanek, Vorstand der Kinderabteilung im AKH: “Wir hatten das Gefühl, daß sich besonders Olivias Mutter um eine Gesprächsbasis bemüht hat. Sie hat Tag und Nacht an ihrem Bett verbracht. Hat ihr Märchenbücher vorgelesen und stundenlang mit ihr Walt-Disney-Videos angesehen.”

Erika Pilhar war Sonntag gegen 21 Uhr, vom bevorstehenden Eingriff informiert worden. Und hatte sich extrem kooperativ gezeigt. Olivia, die genau wissen wollte, was am nächsten Morgen passieren werde, beruhigte sie noch. Sie zeigt ihre Blinddarmnarbe und erzählt von “ein paar Stunden, die sie schlafen wird”, “daß es nachher ein bißchen weh tut”, aber “daß alles gut wird”.

Die Operation war unter größter Geheimhaltung vorbereitet worden. Sonntag, um 16 Uhr im Besprechungszimmer der Kinderchirurgie, hatten Dr. Urbanek, Dr. Horcher, die Kinderkrebsspezialistin Irene Slavc und die Anästhesisten Margot Semsroth und Michael Zimpfer die Blutuntersuchungen aus dem Labor vorgelegt bekommen. Wenig später stand fest: Olivia kann sofort operiert werden.

Gelbgrauer Gewebsklumpen

Montag morgen, pünktlich um 6.30 Uhr, wird sie dann in den Vorbereitungsraum geschoben. Um 7 Uhr setzt die Narkose ein, kurz vor acht dann der Kinderchirurg das Messer an. Mehr als drei Stunden lang entfernt das achtköpfige Team den mittlerweile auf Tennisball-Größe geschrumpften Tumor aus der Bauchhöhle. Alle Organe – auch jene, die bereits von der bösartigen Geschwulst beeinträchtigt wurden – konnten erhalten bleiben. Einzig die rechte Nebenniere war vom “gelbgrauen Gewebsklumpen” derart zerfressen, daß sie mitentfernt wurde. 24 Klammern werden Olivias Bauchdecke bis zum endgültigen Abheilen der Operationsnarbe zusammenhalten.

Die noch wenige Wochen vor der Operation von den Ärzten auf “zehn Prozent” bezifferte Überlebenschance hat sich vervielfacht. Dr. Horcher: “Ich bin sicher: Sie wird überleben und ganz gesund werden.”

Läuft alles gut, wird sie ab nächster Woche wieder ihren Schulunterricht aufnehmen können, den die Tafelklaßlerin (Lieblingsgegenstände: Rechnen, Zeichnen) im spitalseigenen Schulzimmer begonnen hat.

Auch das schöne, lange braune Haar, auf das sie immer so stolz war – die Chemotherapie hat ihr nur zwei dünne Strähnen gelassen – wird wieder nachwachsen. Bis dahin ist für Ersatz gesorgt. Vergangene Woche war bereits der Perückenmacher zur Anprobe bei ihr.

Euke Frank


So verteidigt sich der Wunderheiler

Hamer bittet um “freies Geleit”

“Krebsarzt” will zur Einvernahme nach Österreich kommen

Geerd Ryke Hamer hat die Nase voll. Ende der Vorwoche traf sich der “Krebsarzt” am Flughafen seiner Heimatstdt Köln zur Lagebesprechung mit dem aus Wien eingeflogenen Medien-Anwalt Alfred Boran. Am Ende des Gesprächs gab Hamer dem österreichischen Advokaten die Vollmacht, sein arg ramponiertes Image im Alpenland wieder herstellen zu lassen.

Hamer Verteidigungs-Strategie:

Zahlreiche Medienberichte, in denen Hamer heftig kritisiert wurde, sollen eingeklagt werden. Konkret will Hamer etwa gegen den Grazer Uni Professor Peter Schlick vorgehen, der ihn via “Kleine Zeitung” angegriffen hatte. Entscheidendes Zitat:

“Menschen wie Hamer agieren wie das organisierte Verbrechen, wie die Mafia …”

Beim zuständigen Gericht in Wiener Neustadt will Hamer außerdem eine Aufhebung des gegen ihn gerichteten internationalen Haftbefehls erreichen. Anwalt Boran über den juristischen Kunstgriff:

“Es wird ihm das Quälen und Vernachlässigen einer Minderjährigen vorgeworfen. Diesem Delikt liegt aber der Vorsatz zugrunde.”

Boran will beweisen, daß Hamer im Fall der Olivia Pilhar nicht vorsätzlich gehandelt hat. Der Anwalt:

“Mein Mandant war und ist überzeugt, daß seine Therapie letztlich zu Olivias Heilung geführt hätte.”

Schließlich macht Hamer der Justiz über seinen Anwalt ein überraschendes Angebot: “Ich bin bereit, nach Österreich zu kommen und mich einer gerichtlichen Vernehmung zum Fall Olivia zu stellen. Allerdings nur, wenn mir freies Geleit zugesichert wird.”

Ein Vorschlag, der das Verfahren gegen Hamer möglicherweise entscheidend beschleunigen könnte. Denn in Köln “sichtet” der zuständige Staatsanwalt die Akte Hamer schon seit nunmehr sechs Wochen. Bisher ohne Ergebnis.

Walter Pohl

Anmerkung von H. Pilhar

“Terror des Vaters” war ein gemeiner Griff unter die Gürtellinie!

“Viel schlimmer als die Operation selbst war, was die Ärzte in der Nacht davor durchzumachen hatten. Helmut Pilhar, der sich bis zuletzt gegen die schulmedizinische Behandlung seiner Tochter gewehrt hatte, versuchte noch spätnachts den Chirurgen zu terrorisieren. Dr. Horcher: “Er wollte uns den Eingriff verbieten, behauptete, seine Tochter wäre schwer verkühlt und daß wir die Operation nicht gut vorbereitet hätten.” Als Pilhars Handy versagte, griff er zu handfesteren Mitteln. Gegen ein Uhr früh, also sechs Stunden vor der alles entscheidenden Operation, tauchte er in der Kinderstation des AKH auf und schrie die diensthabenden Ärzte an. Im Gefolge: vier Männer, mit Tonband bewaffnet, die lautstark eine Verschiebung des Eingriffs forderten. Erst das AKH-Wachpersonal konnte die Eindringlinge beruhigen.”

Die ‘vier Männer’ waren: unser Rechtsanwalt Mag. Rebasso, unser Vertrauensarzt Dr. Langer und ein gemeinsamer Freund. ‘Geschrien’ hat von uns niemand auf der chirurgischen Abteilung. Auch mußten wir nicht vom AKH-Wachpersonal ‘beruhigt’ werden. Als die Genannten diesen Artikel lasen, schüttelten sie fassungslos den Kopf. Das Ziel unseres Besuches war es, ein zuvor aufgesetztes Schreiben von meiner Frau, die sich auf der Station bei Olivia befand, unterfertigen zu lassen und es noch vor der Operation bei den Verantwortlichen (AKH, Bezirkshauptmannschaft) zu deponieren, was wir auch taten.

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