Ein Ehemann schreibt …

Es war im Oktober 2015 als wir in Bremen auf einem Tanzworkshop waren.

Unser Sohn war gerade 5 Monate alt und ich bin mitgefahren, um meiner Frau diesen lang ersehnten Workshop zu ermöglichen. Ich war tagsüber mit dem Kleinen unterwegs und Sylvie hat getanzt. Übernachtet haben wir bei einer Freundin. Nach einem bewegten Tag und netten Gesprächen sind wir ins Bett gegangen und eingeschlafen, um nur wenig später wieder geweckt zu werden von einem erbärmlichen Schütteln und Zittern im Raum. Es war meine Frau und sie hatte einen epileptischen Anfall. Das wusste ich da allerdings noch nicht. Es war ein Schock. Ich dachte, sie stirbt. Das schlimmste Aufbäumen ging allerdings nur 20-30 Sekunden und wurde von einer tiefen Ohnmacht abgelöst. Zum Glück kam unsere Freundin rein und war da für uns. Sie hat den Notarzt gerufen und wir wurden ins Krankenhaus gebracht.

Dort wurde Sylvie untersucht. Das Hirn-CT zeigte eine Auffälligkeit und so wurde auch ein MRT gemacht. Diagnose „Verdacht auf Astrozytom (Hirntumor)“. In der Nacht hatte Sylvie einen weiteren leichten Anfall. Natürlich wurde sie massiv unter Medikamente gestellt und für’s Weitere auch mit Epilepsiemedikation ausgestattet. Wir wussten um die Germanische Heilkunde und haben uns nicht schockieren lassen von der Diagnose. Jedoch geht sowas nicht ganz spurlos an einem vorüber. Die Ärzte haben uns nach Hause geschickt mit der Ansage einen Neurologen aufzusuchen, um das weitere Vorgehen zu klären. Wir haben unseren Sohn von heute auf morgen abstillen müssen wegen der Gifte in den Medikamenten.

Wie sollte das jetzt weiter gehen? Die Medikamente (Levetiracetam) waren heftig für Sylvie. Es ging ihr ganz schlecht damit und ihr Hirn wollte nicht so recht funktionieren. Sie war wie betäubt. Nach drei Tagen hat sie die Pillen wieder abgesetzt und es ging schnell bergauf. Wir hatten keine ärztliche Begleitung. Ein Termin mit einem GH-Begleiter war schon vereinbart. Wir waren mittlerweile doch recht verunsichert. Ein paar Tage später kam es nachts zu einem weiteren leichten Anfall. Am Tag dann zu einer ganzen Anfallsserie aus der sie nicht mehr herauszukommen schien. Wir riefen erneut den Notarzt. Diesmal gab’s das volle Programm, mit Tubus, Helikopter und Extraportion Medikamenten. Sie wollten operieren. Erst Biopsie und dann gleich den Hirntumor raus. Es war nur noch die Rede von Hirntumor. Ich habe vorgebracht, dass es doch hieß „Verdacht auf…“ doch das war nicht von Interesse. Wir haben das Krankenhaus verlassen. Am Kopf wird nicht geschnippelt. Sylvie war komplett neben sich. Und sie nahm wieder die Epilepsiemedikamente. Es brauchte gut 4-5 Wochen, bis sie wieder einigermaßen normal war. Sie erinnerte sich an nichts und war ständig müde. Das hat sich aber alles wieder gegeben.

Mit unserem GH-Begleiter haben wir sehr viel herausgefunden. Ich will nicht zu sehr in die Details gehen und nur das Wichtigste nennen: Es gab in Sylvies Kindheit ein extremes Trauma mit dem Thema „Stecken-bleiben“ und eine starke Prägung im Bezug auf „Alleine-sein“ „Verlassen-sein“. Wo lag der Konflikt? Etwa 3 Monate nach der Geburt unseres Sohnes gab es einen schockierenden Todesfall in unserer Familie, der zu einer Situation führte, die Sylvie genau in ihrem Thema traf. Stecken-bleiben und Verlassen-sein. Das Stecken-bleiben bezog sich auf das Festgehalten-sein von unserem Sohn. Das Verlassen-sein bezog sich auf mich, der ich nicht mehr verfügbar war wegen dem Todesfall. Es ist eine komplexe Situation, die ich nicht genauer erklären werde. Wir haben das genau hergeleitet und analysiert. Das Gefühl ist wichtig. Wie assoziiert die Betroffene. Es war sehr eindeutig. Die nächsten 4-6 Wochen haben wir sehr gekämpft, mit der Trauer um meine Nichte, aber auch mit unserer verfahrenen Situation. Sylvie ging es nicht gut. Sie war sehr gestresst, hat schlecht geschlafen und auch mit unserem Sohn war es sehr schwierig.

6 Wochen nach dem Konfliktereignis haben wir das erste Mal ein Wochenende lang unseren Sohn in die Hände meiner Schwiegermutter gegeben und einen Tanzworkshop gegeben. Es war ein traumhaft schönes Wochenende und wir haben zurückgefunden in den Kontakt und ins Vertrauen. Der Konflikt hat sich gelöst. Danach wurde alles besser. Wir haben besser geschlafen. Unser Sohn hat weniger geweint. Wir waren wieder im Frieden. Genau drei Wochen später hat Sylvie den ersten Anfall bekommen. Das war im Oktober 2015.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Ein halbes Jahr später wieder eine Anfallserie mit Krankenhaus. Sylvie wollte unter keinen Umständen ins Krankenhaus. Das hatten wir zuvor besprochen. Doch nach 7 Anfällen über 5 Stunden habe ich die Verantwortung nicht mehr tragen können und den Arzt gerufen. Intensivstation in der Kopfklinik. Wieder das volle Programm und wieder sind wir raus ohne zu operieren. Und wieder mit Levetiracetam (Epilepsiemedikamente). Und wieder hat Sylvie die Medikamente nach etwa 2 Monaten ausgeschlichen und abgesetzt.

Der Status Epilepticus

8 Monate später im April 2017 erneut Anfälle. Und jetzt wird es interessant.

Wir sind mittlerweile schon einen langen Weg gegangen und haben uns intensiv gebildet zur Germanischen, zu vermeintlichen Hirntumoren, zur Epilepsie. Wir waren auch ausgestattet mit Notfallmedikamenten. Ich wusste auch, dass die Anfälle nichts kaputt machen, wenn sie nicht zu lange am Stück gehen. Die Grenze wäre hier für mich länger als 30 Sekunden Krampfen. Bei einmaligen Anfällen kann man weit längere Zeiten ohne Schädigung aushalten. Problematisch ist, dass die Betroffene in der Zeit des Krampfes keine Luft bekommt. Sylvie lag immer im Bett, wenn die Anfälle kamen. So war keine Verletzungsgefahr. 30 Sekunden ohne Luft ist kein Problem. Und natürlich ist das ein Marathon für das Gehirn – mega anstrengend.

Was ist passiert? Wir lagen im Bett, Sylvie, unser Sohn und ich. Die Krämpfe waren jeweils etwa 20 Sekunden lang, gefolgt von einer Ohnmacht, gefolgt von einer tiefen Erschöpfung. Schulmedizinisch würde man das einen Status Epilepticus nennen. Der Abstand der Anfälle war anfangs eine Stunde und wurde immer kürzer, bis hin zu 15 Minuten. Es ging die ganze Nacht. Wir zählten 30 Anfälle. Unser Sohn war die ganze Zeit dabei und hat geschlafen, obwohl seine Mutter laut war, gekrampft hat, geröchelt hat und ich auch ständig in Bewegung war. Das hat mir geholfen. Kleine Kinder bekommen extrem viel mit und er hätte Gefahr angezeigt. Dennoch war ich in ständiger Bereitschaft, den Notarzt zu rufen, in dem Wissen, dass dieser in unter 10 Minuten bei uns wäre. Die Mediziner sagen, aus einem Status kommt man nicht von selbst raus. Das System habe sich aufgehängt. Die Notfallmedikamente habe ich an einem Punkt verabreicht, ohne sichtlichen Erfolg. Später habe ich sehr hoch dosiert Magnesium gegeben. Das scheint zur Entspannung beigetragen zu haben, ist aber nicht eindeutig zu sagen.
Die Anfälle haben sich verändert im Laufe der Nacht. Sie wurden nicht stärker. Die Weise, wie der Körper gekrampft hat, hat sich verändert. Manchmal hat auch nur ein Teil gekrampft. Sylvie hat sich zwar gequält, aber nicht verletzt. Ich habe sie umarmt, mit ihr geatmet und getönt. Das hat ihr immens geholfen. Sie war nicht allein. Ihr Thema ist „Hilfe brauchen, wenn sie stecken bleibt“. Das habe ich ihr bestmöglich gegeben. Und ich war auch nicht allein. Ich habe die kompletten 8 Stunden, die das Ganze gedauert hat mit einer Freundin telefoniert, die sich sehr gut auskennt mit der Germanischen und mit dem Phänomen der Epikrise. Das war eine sehr große Unterstützung, ohne die ich das vielleicht nicht durchgestanden hätte.

Morgens um 7:00 sind die letzten Anfälle ausgelaufen. Sie wurden immer schwächer und hörten schließlich auf. Sylvie hat 2 Tage fast durchgeschlafen und war nicht ansprechbar.

Danach war sie wieder bei sich. Alles war langsam und gedämpft für eine Weile, doch sie war stabil. Sie war lange nicht so neben sich wie die Male zuvor, als sie komplett sediert aus dem Krankenhaus kam. Sie hat 3 Monate gebraucht, bis sie wieder voll bei Kräften war und sich vollständig zurück im Leben fühlte. Das waren bis heute die letzten Anfälle. Sie nimmt jetzt seit fast zwei Jahren keine Medikamente mehr (seit sie sie im Oktober 2016 abgesetzt hat). Natürlich sind wir immer noch dran an dem Thema. Die Prägung, die Sylvie empfänglich macht, die Konflikte, die sie erlitten hat, sind gespeichert im System. Und es muss ein Weg gefunden werden, weitere Konflikte zu meiden und Rezidive schnell zu erkennen und aufzulösen. Doch wir sind um wichtige Erfahrungen reicher geworden in den letzten Jahren. Vor allem um die Erfahrung, dass ein Status Epilepticus sich auflösen kann.

Dies sind unsere Erfahrungen. Jeder Mensch und jede Form der Epikrise ist individuell.

PS:

Den Bericht habe ich verfasst in Absprache mit meiner Frau. Sie kann sich an vieles nicht erinnern. Die Tage der Epikrise sind weitestgehend gelöscht. Die restliche Erinnerung ist zum Glück zurückgekehrt.


Anmerkung von H.Pilhar

Beeindruckend!

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