Die Erklärung der Schulmedizin zum Herzinfarkt bekommt Konkurrenz

Der streitbare Allgemeinmediziner Knut Sroka hat ein wichtiges Buch zur Entstehung des Herzinfarktes vorgelegt. Zu wünschen wäre ihm, dass es ihm, dass es eine lebhafte Debatte auslöst – denn seine Thesen setzen präzisen an den Schwachstellen der schulmedizinischen Leitvorstellung an. Diese basiert in erster Linie auf der „Koronartheorie“: Die Herzkranzgefäße verengen sich durch arteriosklerotische Wandverdickung, die Blutzufuhr zum Herzen wird erschwert, der Herzmuskel nur noch ungenügend mit Sauerstoff versorgt, und „intravitaler Zelltod“, also das Absterben der betroffenen Muskelregionen, der Infarkt ist die Folge. Manches aber kann dieses Modell nicht erklären, etwa die Tatsache, dass unter den 45- bis 50-jährigen Menschen dreimal so viele Männer wie Frauen dem tödlichen Herzinfarkt zum Opfer fallen.

Srokas Gegenthese dazu lautet, dass „eine wichtige Ursache des Herzinfarktes nicht primär im Herzen, sondern im Kopf liegt. Damit ist die vom Gehirn gesteuerte Nervenversorgung des Herzens gemeint, die über zwei gegenläufige Systeme erfolgt: das sympathische und paarsympathische Nervensystem, Letzteres vor allem durch die Fasern des Servus vagus repräsentiert. Überzeugend postuliert der Hamburger Arzt eine Fehlsteuerung des infarktgefährdeten Herzens durch den Vagus. Verantwortlich seien das Fehlen entsprechender Erholungsphasen (eine Folge emotionaler Verschlossenheit) sowie übermäßige – und häufige enttäuschte – Leistungsbereitschaft, die im Dienste fast schon verzweifelt erstrebter sozialer Anerkennung stehe. Dazu komme geringe soziale Unterstützung in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis. Ein Teufelskreis. Diese The-Den sind nicht neu, Teilstücke haben Psychosomatiker bereits häufig beschrieben und Sroka selbst in zwei vorherigen Büchern. Hier fasst er seine Thesen jedoch zu einem Gesamtmodell zusammen, das sich weniger um philosophische und stärker um wissenschaftlich exakte Beweisführung bemüht.

Auch wenn das Modell als Ganzes plausibel klingt, bleiben Einzelheiten bislang vage. Problematisch wir vor allem, wenn Sroka immer wieder von „Vaguskraft“ oder „Vagusstärke“ spricht, wo doch nicht von Muskelarbeit, sondern von neutralen Steuerungsvorgängen die Rede ist. Hier bietet das Buch eher Programm als Problemlösung: Es zeigt, auf welchen Feldern genauer geforscht werden müsste, um zwischen den konkurrierenden Hypothesen überhaupt entscheiden zu können. Sroka formuliert dazu eine Menge fruchtbarer Fragen und erhebt gar nicht den Anspruch, eine umfassende detailgenaue Antwort formulieren zu können. Lesenswert ist das allemal – dem Soria offenbart mit seinem Buch ein Dilemma des modernen Medizinbetriebes: Womit sich nur wenig Geld verdienen lässt, das wird auch nicht geforscht. Sroka hat Recht: „Diese Entwicklung drängt die leib-seelischen Zusammenhänge aus dem ärztlichen Alltag. Die Handschrift der Gesellschaftlichen Machtträger ist unverkennbar. Die Herzpatienten hätten besseres verdient.“

Till Bastian

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