Dr. Jürgenssen unter Beschuß

“Baby-Skandal” im Jugendzentrum Triebwerk: Anzeige

WIENER NEUSTADT – Wegen der “Kleinen Mahlzeit zwischendurch”, einer szenischen “Baby-Verspeisung” in der Zeitschrift des Jugendzentrums, ist Primar Jürgenssen ins Schußfeld der Kritik geraten.

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Der Beginn und das Ende der Mahlzeit: Wie das Baby zerstückelt werden muß, wie es am Ende verspeist wird. Dazwischen wird die Zerstückelung auch noch demonstriert. Faksimile: Senf

Die Reaktionen waren heftig. Als am vergangenen Mittwoch in der NÖN der Wirbel um die “Kleine Mahlzeit zwischendurch” aufgezeigt wurde, bei der Nils Holger Jürgenssen mit einer Baby-Verspeisung Gesellschaftskritik übt, schwappen die Emotionen über.

“Das ist geschmacklos, das ist derb, das ist dumm”, so Vbgm. LAbg. Schneeberger in seiner ersten Presseaussendung. Als Skandal ortet es auch BGL-Chef Schreiner. Die volle Wucht der Kritik richtet sich aber nicht nur gegen den Verfasser, sondern vor allem auch gegen Kinderprimar Dr. Jürgenssen, weil er sich als Obmann des Jugendzentrums Triebwerk nicht distanzierte. Ganz im Gegenteil: Er bot noch Erklärungen für das Verhalten an. Primar Dr. Jürgenssen: “Ob es politisch klug war oder nicht, sei dahin gestellt. Es ist der Versuch eines 16jährigen, sich zu artikulieren. Ich verteidige es nicht, weil es mein Sohn ist, ich würde jeden 16jährigen verteidigen.”

Das wollen Volkspartei, Freiheitliche und Bürgerliste nicht gelten lassen. Schneeberger in einer Auseinandersetzung: “Ein leitender Kinderarzt, der die Verspeisung von Babies mit der Zerstückelung von Tieren und schweineblutgetränkten Bildern gleichsetzt – das kann nicht sein Ernst sein.” In Anspielung an seinen Vergleich mit Hermann Nitsch. F-LAbg. Häberler: “Es ist nicht mehr tragbar, daß der Leiter einer Kinderabteilung zuschaut und goutiert, was im Jugendzentrum passiert. Der Fall Jürgenssen wird sicher eine Anfrage im Gemeinderat werden.”

Schneebergers Forderung an den Primar ist eindeutig: “Er muss sich distanzieren, sonst muß sich die Stadt Schritte überlegen.”

Dr. Jürgenssen jedoch denkt nicht daran, einen Rückzieher zu machen. Noch am Dienstag konterte er in einer Aussendung zynisch: “Fühlt sich Herr Mag. Schneeberger wie schon die Freiheitlichen bei der Nitsch-Ausstellung in Krems offenbar zum Experten für Aktionismus berufen?”

Die nächsten Schritte wird die ÖVP im Gemeinderat setzen. Falls es nicht eine klare Distanzierung gibt, wird man für die Streichung aller Subventionen an das Jugendzentrum votieren. Genauso wird die Bürgerliste im Rathaus agieren. Und F-Stadtrat Hoffmann hat der Staatsanwaltschaft eine Sachverhaltsdarstellung geschickt. Er läßt die Ausgabe “senf 65b” in strafrechtlicher Hinsicht überprüfen.

Martin Gerhart

Wie die SPÖ reagierte …

WIENER NEUSTADT – Die SPÖ hält sich bei dem Thema eher zurück. Vbgm. Traude Dierdorf, zuständig für das Jugendzentrum, forderte eine Erklärung von Primar Jürgenssen (siehe Leserbriefe). Ihr Schlußstrich: Man könne sich mit allem auseinandersetzen, mit dem – Baby-Verspeisung – nicht. Das jedoch habe mit der Gemeinde nichts zu tun, da die Zeitung nicht subventioniert wird. Der politische Beirat für das Jugendzentrum werde im Dezember einberufen, dort könnten sich die Jugendlichen verantworten. Dierdorf: “Ein faires Angebot.”

Bbm. Dr. Wittmann findet die “kleine Mahlzeit”: “Absolut geschmacklos.” Vor allem, weil die “Verspeisung” ohne Erklärung präsentiert worden ist. Allerdings: “Dahinter steckt ja etwas anderes. Es soll vor Augen geführt werden, daß auf Kinder nicht viel Wert gelegt wird. Scharf reagieren die SPÖ-Mitarbeiter Hahn und Fürst, selbst als Jungliteraten tätig. Sie befürchten durch das Vorgehen der Freiheitlichen eine Art Zensur, die kommen wird.

Übrigens: LIF-Gemeinderätin Halmer “graute” vor der Abbildung. “Aber man soll deswegen nicht alles gleich verwerfen.”

Leserbriefe zum Artikel “Kleine Mahlzeit zwischendurch” in der JZ-Zeitung “Senf”

Mit Freuden stellte ich fest, daß sich die Freiheitlichen auch in Wiener Neustadt neuerdings für moderne Kunst interessieren. Zugegebenerweise gibt es noch ein bißchen Schwierigkeiten im Kunstverständnis, aber das kann sich ja noch geben. Schließlich haben die Freiheitlichen erst vor zwei Jahren heftigste Bedenken gegen die Schüttbilder von Hermann Nitsch in der Minoritenkirche in Krems gehabt. Unterdessen hat Hermann Nitsch, erst kürzlich vom Bundespräsidenten zum Professor ernannt, Bühnenbilder in der Staatsoper gestaltet, was allgemein als künstlerischer Höhepunkt gefeiert worden ist.

Zu dem vorliegenden Beispiel ist festzuhalten, dass es sich um meinen Sohn Nils Holger handelt, der sein eigenes Babyphoto sowie das seines Bruders “zerstückelt” und mit einem Kochrezept versehen hat. Wie das letzte Photo, wo er als Speisender zu sehen ist, zeigt, handelt es sich um eine ca. vier Jahre alte Arbeit. Er hat damals einer Band namens “Cold Meat” angehört, die auch wiederholt öffentlich aufgetreten ist. Der Sinn dieser Arbeit ist schon damals darin gelegen zu irritieren und Aufmerksam zu erregen, was – wie man sieht – auch heute noch voll gelungen ist. Solange man zwar durchaus bemerkenswerte Ölbilder zeigt z.B. bei der vorjährigen Buchwoche oder bei der Triebwerkeröffnung, erhält man keine Aufmerksamkeit. Kommt aber eine alte Arbeit, die die Denkgewohnheiten in Frage stellt, dann erregt dies sogar die Aufmerksamkeit der Freiheitlichen, was ausreicht, um die Arbeit zu legitimieren.

Sollten die Freiheitlichen nicht nur diese Seite sondern die gesamte Hauszeitung des Triebwerks namens “Senf” gelesen haben, dann wird ihnen hoffentlich nicht entgangen sein, daß auch andere Artikel und Photos voll Ironie Dinge und Verhaltensweisen in Frage stellen. Jedenfalls handelt es sich bei dieser Hauszeitung um eine Eigenproduktion der sehr engagierten Zeitungsgruppe, die abends daran arbeitet und dabei nicht einen Schilling aus dem “Triebwerk Budget” verbraucht, womit sich die Anfrage der F bezüglich Mißbrauchs von Steuergeldern wohl von selbst einbringt!

Wir freuen uns aber über die überfällige Debatte zur ewigen Frage: “Was ist Kunst?” und werden gerne den Freiheitlichen jedesmal ein Gratisexemplar unserer mühevoll gestalteten Hauszeitung zukommen lassen.

Prim. Dr. Jürgenssen

Leider hat die NÖN sich nicht direkt an die Redaktion des “Senf 65b” gewandt, wir hätten ihr gerne den Zusammenhang zwischen dem Triebwerk und seiner Hauszeitung erklärt.

Die Zeitungsgruppe versteht sich als selbständiges Projekt. Geschäftsführung und Vorstand haben keinen Einfluß auf den Inhalt. Finanzielle Unterstützung gibt es für uns keine. Zur Zeit finden ausschließlich die Redaktionssitzungen im Triebwerk statt, da uns aus Mangel an einem Apple-Macinstosh-Computer außerhalb an privaten Geräten gearbeitet werden muß. Diese Arbeit wird unter hohem Zeitaufwand von den “Senf 65b”-Mitarbeitern völlig unentgeltlich erledigt. Der Druck wird freundlicherweise3 von Herrn Peter Kolb, Inhaber des Print-Shops in Wiener Neustadt gratis durchgeführt. Auch er nimmt keinerlei Einfluß auf den Inhalt unserer Zeitung. Im Gegensatz zu vielen Politikern versucht er nicht durch finanzielle Großzügigkeit, Jugendliche zu beeinflussen oder in eine bestimmte Richtung zu leiten.

“Senf 65b” Redaktion
Hannes Eidler, Katrine Henk, Joachim Protzner

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