In Österreich, einem Musterland der entpolitisierten Kirche, könnte ein Volksbegehren gegen die Abtreibung bayrische Zustände bringen

Franz Kardinal König. Erzbischof von Wien, verkniff sich jede Kritik. als die regierenden österreichischen Sozialisten im Januar 1974 die Abtreibung freigaben. Schweigend saß er in einer Parlamentsloge — getreu seiner Übung. Schweigen sei die beste Methode zur Bewältigung von Konflikten.

Neun Monate später jedoch mußte der Kardinal reden. Und seine Predigt zum Abschluß des Wiener Katholikentages im Oktober steigerte sich bis zur Kriegserklärung an den höflich anwesenden SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky.

„Nicht leichtfertigen Herzens, sondern weil man uns keinen anderen Weg gelassen hat“, verkündete der oberste Kirchenfürst Österreichs: Alle Bischöfe („auch der Kardinal von Wien“) stehen hinter einem Volksbegehren gegen die rote Abtreibungsgesetze. Die Ankündigung löste in der Stadthalle Applaus-Orgien der 12 000 Teilnehmer aus.

Seit der Kardinals-Predigt wächst aber auch die Angst vor einem Kirchenkampf. Die zu fast 90 Prozent katholischen Österreicher zittern um den Frieden zwischen Staat und Kirche, der seit 1945 mühsam genug gefunden wurde. Sie wollen keine bayrischen Zustände. Und sie wollen erst recht keine altösterreichischen Zustände.

Diese Furcht vor den „Gräben und Gräbern der Vergangenheit“ (König) kommt nicht von ungefähr: Die Erste Österreichische Republik ging am Kulturkampf zugrunde.

Zwischen 1918 und 1938 stellten die Christlichsozialen anstelle des abgesetzten Herrscherhauses der Habsburger den weltlichen Arm der Kirche. Sie kürten den Prälaten Ignaz Seipel zum Bundeskanzler, den späteren Kardinal Innitzer zum Minister, katholische Pfarrer gingen in die Gemeinderäte. Die Austromarxisten erkoren sich die Kirche als Feindbild, ihre Jugendlichen lauerten Prozessionen auf.

Nicht zuletzt der Kulturkampf führte zum Bürgerkrieg vom Februar 1934, zur Diktatur im Ständestaat, indirekt schließlich zum Einmarsch Hitlers — den der Kardinal Innitzer begrüßte.

In der Zweiten Republik, nach dem Krieg und unter Besatzungsdruck. gelang den Österreichern die Entflechtung von Staat und Kirche. Großes Verdienst daran hat sicher Franz König. Wiederholt appellierte er an „alle, die mithelfen wollen, daß die Schatten der Vergangenheit uns nicht überwältigen. König wörtlich: „Niemals mehr soll in diesem Land Bruder gegen Bruder stehen, nicht mit Waffen in der Hand, auch nicht mit bösen Worten, mit hartem Herzen und blindem Eifer.“

Geführt von König, ging der Klerus auf Distanz zu den politischen Parteien, „weil keine ein Monopol auf das Christentum hat“. Der Kardinal selbst sammelte Freunde im roten Lager, besuchte Fabriken und bestätigte den Gewerkschaften eine „wichtige Ordnungsfunktion“. Zuweilen ließ er sich fast revolutionär vernehmen: „Die Aufgabe der Kirche besteht nicht darin, überkommene Gesellschafts- und Wirtschaftsformen zu verteidigen.“

Die Verteidigung überkommener Moralformen hingegen blieb ihm nicht erspart. Wann immer in den vergangenen Jahren die Reform des Strafrechts und damit auch des Abtreibungsverbots zur Debatte stand, legte König sein Veto ein.

Er sagte „nein“, als der christkonservative Justizminister Hans Klecatsky den Paragraphen 144 — Österreichs Gegenstück zum deutschen 218er — milde entschärfen wollte. Und er sagte nochmals „nein“, als der nunmehrige SPÖ-Justizminister Christian Broda ihm 1971 goldene Brücken baute, indem er lediglich eine „sehr erweiterte Indikation“ anpeilte.

Das starre Nein des sonst so zugänglichen Kardinals reizte die militanten Jungsozialistinnen. Sie fanden die Indikationslösung entschieden zu kleinlich. Beim SPÖ-Parteitag 1972 in Villach verlangten sie zumindest die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs innerhalb der ersten drei Monate — und kamen damit durch.

Im Spätherbst 1973 wurde die Fristenlösung im sozialistischen Alleingang gegen die vereinte Opposition von Konservativen und Liberalen vom Parlament verabschiedet, im Januar 1974 mittels eines Beharrungsbeschlusses endgültig Gesetz. Sie tritt am 1. Januar 1975 in Kraft.

Kardinal König war offenbar bereit, sich mit der Fristenlösung abzufinden. Zu wichtig war ihm das wohltemperierte innenpolitische Klima, in dem ein aktiver Katholik wie Rudolf Kirchschläger als sozialistischer Kandidat Bundespräsident wurde. Knapp vor dem Katholikentag resignierte der Kardinal: „Wenn die Gesetzesbestimmungen noch zu ändern sein werden, dann werden wir sehr froh sein. Wenn nicht, wird es deshalb keinen Krieg geben.“

Unterdessen hatten aber katholische Aktivisten, die überkonfessionell und überparteilich auftreten, ein Volksbegehren „zum Schutz des menschlichen Lebens“ organisiert. Ihr Ziel ist die parlamentarische Behandlung eines Gesetzentwurfs, der die Fristenlösung zugunsten einer speziellen Art von Indikationslösung abschafft: Die grundsätzlich verbotene Abtreibung soll immer dann erlaubt werden, wenn „die Schwangere in einer allgemein begreiflichen, für sie nicht anders abwendbaren, außergewöhnlich schweren Bedrängnis“ handelt.

Genau wie Justizminister Broda am SPÖ-Parteitag mußte König am diesjährigen Katholikentag dem Druck des Fußvolks nachgeben. Hilflos klang sein Appell, „keine Gräben aufzureißen“.

„Die Sache läuft gut, wirklich sehr gut“, triumphiert Eduard Ploier, Organisationsleiter der „Aktion Leben“, über die ersten Resultate des angefangenen Vorverfahrens. Den präzisen Zeitpunkt der Massenmobilisierung hält er noch geheim. „Wahrscheinlich platzt sie mir genau in den Wahlkampf 1975“, giftet sich Kanzler Kreisky.

Nachgeben wollen die Sozialisten jedoch auf keinen Fall. Österreich steht somit ein Wahlkampf in Kulturkampfstimmung bevor — bayrische Zustände, wenn nicht gar altösterreichische.

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